Unheilbar

Die Eigenart eines psychosomatisch Erkrankten ist, dass er sich weigert die möglichen psychisch-geistigen Hintergründe seiner Krankheit zu betrachten. Es ist der Körper, welcher schmerzt und nicht in Ordnung ist. Obwohl er weiss und darüber schwatzen kann, dass die menschliche Ganzheit aus Körper, Seele und Geist besteht, wird bei einer Erkrankung der seelisch-geistige Anteil samt Bewusstsein ausgeschlossen. Die Gründe sind klar zu erkennen: Er müsste zu seinen Schuldgefühlen und zur Ursache stehen, welche diese Krankheit ausgelöst haben. Dahinter steckt jedoch meist ein kindlicher Glaubenssatz, der bei näheren Betrachtung keinen Bestand hat. Nur zu oft ist der Hintergrund eine falsche Einstufung einer Handlung, die nun gesühnt werden muss. Schulgefühle verlangen stets nach Strafe. Die Betroffenen bestrafen sich lieber selber und hoffen, dass ihr vermeintliches Fehlverhalten bis sie vor der Himmelspforte stehen abgegolten ist. Etwas kindisch, aber Glaubenssätze sind oft paradox und kindisch. Solche Patienten leiden seelisch weitaus stärker als ihr Körper – aber das gehört zu ihrer Selbstbestrafung. Da der Schmerz nur über die körperlichen Organe zu spüren ist, wird die Seele kurzsichtig ausgeschlossen und die geistige Potenz lässt so oder so zu wünschen übrig – eben das, was helfen würde. Dass ein gebildeter Fachmann vom erkrankten Organ auf die seelische Ursache schliessen kann findet kein Gehör. Lieber leiden. Die Entscheidung zu sühnen macht blind für die Wahrheit.

Und die den chemischen Medikamenten verpflichteten Ärzte spielen diesen Unsinn aus Bildungsmangel mit. Die Meisten haben von einer ganzheitlichen Gesundheitspraxis keine Ahnung. Mit Medikamenten werden Symptome bekämpft und betäubt. Nach der Ursache wird wenig gefragt.

Einverstanden, es ist der Körper, welcher schmerzt, der leidet und seine Symptome produziert. Er manifestiert, dass etwas nicht in Ordnung ist und Hilfe braucht. Er kann ja nicht reden und die Körpersprache verstehen nur jene, die sich damit auseinandergesetzt haben. Würden die Ärzte aus der Ganzheit heraus auch die psychisch-geistigen Hintergründe betrachten, würden sie bald verstehen: Jedes Symptom ist auch ein Hilferuf der Seele und des Geistes. Geistheiler heilen zuerst den Geist – Seele und Körper folgen nach. Dazu muss jedoch der Patient bereit sein.

Neben Sühne und Selbstbestrafung gibt es auch Menschen mit krimineller Energie, die aus ihrer Krankheit einen Gewinn beziehen. Es mag wie ein Märchen anmuten, aber es ist wissenschaftlich nachgewiesen: Mehr als 40% der Chronisch-Kranken wollen nicht geheilt werden. Grund: Sie beziehen aus ihrer Krankheit einen Gewinn.

In dem von mir gegründeten und über viele Jahre geleiteten Institut (IAC Stiftung, Zürich), veranstalteten wir regelmässig Weiterbildungsseminare für Ärzte, Psychologen, Theologen, Lehrer und Sozialarbeiter. Wir wollten dabei aufzeigen, dass jede Krankheit und jeder Unfall auch einen psychisch-geistigen Anteil aufweist. Zur Demonstration unserer Methode brauchten wir Patienten, die bereit waren sich zu öffnen und sich ihrer Krankheit verbal zu stellen. Dafür fanden wir immer genügend Interessenten, die gerne in ihre Leiden Einsicht gaben. Für viele war es eine Möglichkeit für sich selbst neue Einsichten über ihre Krankheit zu gewinnen. Etliche bekamen auch Impulse, die heilend wirkten. Es gab aber auch solche, die suchten eine weitere Bestätigung, dass ihr Krankheit unheilbar ist.

Bei einem dieser Seminare kam ein Mann im Rollstuhl angefahren. Ärztliche Diagnose: Parkinson. Was mir sofort auffiel war, dass er seine Bewegungen stark bremste. Offensichtlich hatte er Angst seine Bewegungen zu Ende zu führen. Er gab sich kooperativ. Er sass bestimmt nicht das erste Mal für kurze Zeit im Mittelpunkt. Er genoss seinen Auftritt sichtbar. Er wusste um seine Krankheit genausten Bescheid. Wie er mehrmals betonte, hatte er sie studiert. Durch das liebevoll und achtsam geführte Gespräch wurde klar, dass seine Krankheit einen psychischen Ursprung haben musste. Er war jedoch nicht bereit darüber zu reden. Der Widerstand war noch viel zu gross. Er fand kein Ereignis, das mit seiner Krankheit im Zusammenhang stehen könnte. Es war jedoch offensichtlich: der Mann hatte einiges zu verbergen. Körpersprache, Stimme und Worte fanden während der ganzen Sitzung nie zu einer Einheit.

Sein etwa einstündiger Auftritt gab genügend Auskünfte um den Seminarbesuchern zu zeigen, dass die Krankheit dieses Mannes einen rein psychischen Hintergrund hatte. Mehr brauchten wir nicht. Wir empfahlen ihm eine weiterführende Therapie. Trotz grosser Beanspruchung stellte ich mich dafür zur Verfügung. Wie üblich: der Ursachenforscher wollte wissen und dieser Fall interessierte mich ganz besonders.

Der Mann kam. Nach wenigen Stunden öffnete er sich und gab den Hintergrund für sein Leiden preis. Seine Mutter war alleinstehend und verdiente den Lebensunterhalt als „Putzfrau“. So war sie viel abwesend, zum Teil auch abends und an Wochenenden. Sie hatte viel zu wenig Zeit für ihn. Er brauchte sie. Oft war er beim Reinemachen mit dabei. An einem Samstag, als sie ein Treppenhaus reinigte, konnte er seine Wut nicht mehr beherrschen, er schrie sie an, wurde handgreiflich und schubste sie, so dass sie das Gleichgewicht verlor und die Treppe hinunter stürzte. Sie verletzte sich dabei nur leicht. Einige blaue Flecken. Sonst nichts. Aber das genügte für den Jungen. Er bekam Angst vor sich selber, vor seiner Wut, vor seiner Kraft. Er begann sich zu kontrollieren und fing an seine Bewegungen zu bremsen. Schlimm wurde es, wenn er Treppen steigen oder runter musste. Dann kam das grosse Zittern. Es ging nicht lange und er sass in einem Rollstuhl, musste die Treppen hoch und runter getragen werden. Spitalaufenthalte. Diagnose: Parkinson. Alle Körpersymptome deuteten darauf hin.

Jetzt erfuhr er all jene Verwöhnung und bekam jene Zuwendung, die ihm seine Mutter nicht geben konnte. Er wurde im Rollstuhl herumgefahren, Treppen hoch und runter getragen. Es folgten Spital- und Kuraufenthalte. Er entwickelte sich zu einem Liebling des Pflegepersonals. Er begann seine Krankheit zu studieren, so dass er sie in aller Perfektion beherrschte und mit seinem Wissen immer wieder Fachpersonal und Studenten verblüffte. Bald wurde er von seinem Arzt, der auch Professor an der Universität war, für Demonstrationszwecken aufgeboten. So bekam er seine Show, stand für kurze Zeit im Mittelpunkt und konnte sich vor Studenten produzieren. Oft bekam er für sein Wissen um seine Krankheit anerkennende Worte. Worauf er stets rief: „Ja, studiert ist halt studiert!“

Nachdem der Hintergrund für seine Krankheit aufgedeckt war, empfahl ich ihm eine Bewegungs- und Tanztherapie. Dort verlor er rasch jegliche Hemmungen. Er konnte sich ohne Kontrolle bewegen und verblüffte immer wieder mit gewagten akrobatischen Einlagen.

Nun drängte sich eine neue Lebensentscheidung auf, in etwa: „Ich bin gesund und kann mich frei bewegen.“ Dazu war er nicht bereit. „Glaubst du, ich verzichte auf all die Annehmlichkeiten, die mir meine Krankheit bieten? Die Kuraufenthalte? Das Herumgefahrenwerden? Die Betreuung? Das kommt gar nicht in Frage!“

Wir vereinbarten eine Bedenkzeit, denn ich wollte, dass er sich mit seinem Gewissen und seinem unsozialen Verhalten auseinandersetzt.

Einige Tage später meldete er sich telefonisch. Er betonte, dass er seine Krankheit behalte und keine weitere therapeutische Unterstützung wünsche. „Meine Krankheit ist unheilbar!“ Er verwies auf die ärztlichen Diagnosen und Zeugnisse. „Daran gibt es nichts zu rütteln!“

Fazit: Sture Mediziner, die psychische Ursachen für eine Krankheit ausschliessen, machen es möglich, dass Menschen mit krimineller Energie die soziale Fürsorge ausbeuten und betrügen und dadurch die Gemeinschaft schädigen. Auch in den mir bekannten Senioren-Residenten gibt es solche Typen.

 

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