Die Zeugung eines Unerwünschten

Was oder wer gibt mir das Recht meine Eltern zu entblössen, wo es doch so wunderbar, quasi als Elternschutz, in der Bibel heisst: „Ehre Vater und Mutter, auf dass du …“. Was mir das Recht gibt, ist das Unrecht, das mir angetan wurde, indem mir das Recht auf Leben von der Mutter abgesprochen wurde. „Sei nicht!“ und „stirb!“ waren die Botschaften die sie mir als Befehle zur Selbstzerstörung in meine Seele legte. Ich war unerwünscht und ihr Hass traf mich mit blinder Gewalt.

Was mich erzürnt: All das, was mir angetan wurde, gab ich blind, unbewusst an meine Kinder und Partnerinnen weiter. Auf die Spur kam ich durch die Schwangerschaft einer langjährigen Freundin. Wir lebten getrennt, trafen uns jedoch fleissig zur Pflege unserer Intimität. Sie war dafür eine wunderbare Frau. Eines Tages kam sie freudenstrahlend, stand vor mich hin und jubelte: „Ich bin schwanger, ich erwarte ein Kind von dir!“ Ich freute mich riesig und wir verschmolzen ohne weitere Worte zur zeitlosen Einheit. Jedoch später, alleine für mich, begann ein eigenartiger Wandel. Feindliche Gefühle kamen auf, die sich gegen sie und das werdende Kind richteten. Nach wenigen Tagen war ich ihr total feind, keine Vereinigung mehr, keine Zärtlichkeit, keine Liebe, keine freundliche Worte. Ich mied sie und liess mich von einer Freundin verwöhnen. Dabei kam immer wieder ein Gefühl von Heimzahlung auf. Ich wusste nicht weshalb. Ich war diesbezüglich völlig blind. Nach ihrer Niederkunft und nachdem ich ihren Sohn (auch meinen Sohn) sah, verschwanden bei mir alle negativen Gefühle und ich konnte wieder auf sie eingehen, so, als ob nichts geschehen wäre. Mich aber liess das Geschehene nicht in Ruhe. Mit Hilfe eines Freundes analysierte ich mein Verhalten zur Schwangerschaft meiner Partnerin. Kaum zu glauben, aber es waren vorgeburtliche Prägungen und meine Heimzahlung galt der Mutter. Ich erkannte, dass ich mich genau gleich verhielt wie meine Mutter, als sie damals entdeckte, dass sie mit mir schwanger war. Die totale Abweisung von Kind und Partner. Das traf mich hart. Alles, was mir Mutter angetan hatte, gab ich unbewusst an mir liebe Menschen weiter.

Mich mit diesen Gegebenheiten zu versöhnen war ein hartes Stück Arbeit. Ich tat es, mir und meinen Kindern zu liebe.

Als ich gezeugt wurde, war die Welt noch in Ordnung. Es gab noch keine Krise, noch keine Arbeitslosigkeit, die Zukunft schien noch golden. Der Crash begann im Oktober 1929 und ich kam im Dezember darauf zur Welt, also zu Beginn der weltweiten Krise. Die Beiden waren bereits vier Jahre verheiratet und hatten zwei Kinder. Sie hätten eigentlich glücklich sein können, aber der Mann war für seine Frau eine grosse Enttäuschung und sie musste ein Leben führen, das ihren Träumen und Wünschen in keiner Hinsicht entsprach. Statt dem heiteren Spassmacher und Unterhalter, mit einem sicheren Einkommen, wie sie ihn kennen lernte, entpuppte er sich als einen unbeherrschten, brutalen Haustyrannen.

Der Mann, der heute mein Vater werden sollte, war der sexuellen Urkraft völlig ausgeliefert. Obwohl kreativ begabt und schon in jungen Jahren in der damaligen Strohindustrie als Mustermacher feiner Posamenten tätig, fand er keine Möglichkeit die sexuelle Energie in Liebe zu wandeln. Primitiv artete sie in Brutalität aus. So auch heute.

Seine Frau wies ihn seit Tagen zurück. Sie tat es, um ihn zu bestrafen. Sie schenkte ihm kein Gehör und keine Nähe. Kalt und distanziert blieb sie. Sein Bedürfnis quälte ihn. Notgeil, an der Grenze des noch Ertragbaren, schrie er durchs Haus. Die unterdrückte sexuelle Energie nahm zerstörerische Formen an. Etwas, das seine Frau und seine Familie bereits kannten und zur Panik führte. Genau wie er sein Bedürfnis unterdrücken musste und es ihn quälte, unterdrückte und quälte er seine Familie.

Die Frau, die heute meine Mutter werden sollte, kannte dieses Spiel. Sie war bereits eine enttäuschte Frau – nach vier Jahren der Ehe schon. Was sich auf der Strasse und in den Beizen so lustig voller Spass und Freundlichkeit benahm, auf das sie damals naive hereinfiel, war in Tat und Wahrheit ein Hausteufel. Einen Strassenengel – Hausteufel, wie es im Volksmund hiess, das hatte sie geheiratet und mit ihm bereits zwei Kinder gezeugt. Ich sollte heute das dritte werden.

Enttäuscht war sie in jeder Hinsicht. Keines der Versprechen hatte er bis heute eingehalten. Er bot ihr weder den Lebensstandard, den sie sich erträumte, noch die Voraussetzungen für eine ihr entsprechende Entwicklung. Weitere Kinder würden noch weiter von ihrem Lebenstraum hinweg führen. Sie hatte den passenden Lebenspartner verfehlt. Die Enttäuschung wurde indes bald zu einer Strategie der Bestrafung und des Heimzahlens, ganz nach altbiblischem Muster: Aug um Auge, Zahn um Zahn. Ein Spruch von ihr oft und gerne zitiert. Sie hatte bald herausgefunden, wie sie den nach ihr süchtigen, den sexsüchtigen Mann bestrafen, das heisst quälen konnte. Und sie tat es gründlich. Der Vater wurde durch ihre Provokationen zum mörderischen Ungeheuer und zum Inbild des Bösen. Von ihm geschlagen, zeigte sie den Kindern gerne ihre schmerzenden, gut sichtbaren Wunden. Auch die Kinder konnten bald Spuren der abgekriegten Schläge präsentieren.

Auch heute trieb sie ihr Spiel wieder auf die Spitze. Letztlich, aus eigenem Drang und um den Schlägen auszuweichen, öffnete sie sich ihm und gewährte dem gierigen Bock die erlösende Vagina. Ihre eigene Begierde leugnete sie. Sie gab sich ihm dem Frieden zu liebe, wie sie später immer wieder betonte. Den Leib gab sie ihm, die Seele nicht. Sie liess ihn zu und gewähren, so dass in höchster Not mein Zeugungsakt stattfinden konnte. Sie blieb dabei bei ihrem Traum. Sie hielt nicht ihren realen Mann in den Armen, sondern ihren Prinzen und Erlöser, der sie aus aller Not und Tyrannei befreite. Eine billige Romanfigur, eine romantische, edle Liebe, ein Gutsherr und Adliger, der sie aus ihrer Dienstmädchenrolle befreite und sie zur Herrin machte. Dem gab sie sich hin, mit dem erlebte sie den Orgasmus und meine Zeugung. Eine Untreue ohnegleichen sich selbst und ihrem realen Manne gegenüber.

Vorerst wusste ich nur, die Mutter tat es dem Frieden zuliebe und der Vater aus dem hungernden Schrei oraler Bedürftigkeit. Trotz der lieblosen Getrenntheit der Erzeuger fanden sich Samen und Ei zur Einheit und zu neuem Leben, das durch mich Gestalt werden sollte. Es wäre zu einem Verfluchten geworden, hätte nicht eine andere Dimension mitgespielt.

Der Fluch sass tief. Als sie nach wenigen Wochen entdeckte, dass sie guter Hoffnung war, verfluchte sie das Werdende samt Erzeuger. Der Zorn traf den Samenspender genauso wie das in ihrem Inneren wachsende Geschöpf, das den emotionalen, heissen Wallungen hilflos ausgeliefert war. Sie tat alles, um das neue Leben in sich loszuwerden. Vergeblich! Der flammende Hass erstarrte im Laufe der Zeit zur eisigen Kälte. Sie brachte ihre Traumwelt und die Realität nicht zusammen. Die Realität beugte sich ihren Träumen nicht. So blieb ihr nur die Verwünschung und ein Leben der Vergeltung, die Rache am Manne. Wer zu einem Leben gezwungen wird, das den eigenen Wünschen nicht entspricht, kann nicht anders als mit Hass darauf reagieren.

Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ hatte mich einst mit fünfundzwanzig Jahren angesprochen.

Im Mutterleib erfuhr ich keine Freude – nur Not.

Sie wollte mich nicht. Die Natur und die spirituelle Botschaft waren jedoch stärker. Mit dreiwöchiger Verspätung konnte meine Geburt gefeiert werden – lebendig, sehr zum Leidwesen meiner Mutter und sehr zum Ärger meines Vaters, jedoch sehr zur Freude meiner Grossmutter, die mich sofort nach der Hausgeburt in die Arme schloss und durch mich wieder einen Lebenssinn bekam. Der Sinngeber war geboren! Er konnte später in meinen Beruf als Therapeut und Lehrer eingebaut werden. Ohne zu wollen wurde sie jedoch auch zur Lebensretterin. Sie gab mir das Allernötigste zum Überleben.

Die Mutter war gleichsam die Welt, eine Welt, die mich nicht wollte, und alles andere als liebevoll war. Da waren Hass und Zerstörung, Krieg und Feindseligkeit. Was sollte ich da? Leiden und Schmerzen, Eifersucht und Neid ertragen und geschlagene Wunden ausheilen? Dazu noch die unerledigten Geschäfte früherer Leben und die Besessenheiten meiner Ahnen austragen? Nein, nein, tausendmal nein. Ich wollte in der Nacht bleiben. Aber der Beschluss meiner Lebensweisheit war ein anderer. Licht und Bewusstsein ist der Weg der Intelligenz. Diesen Weg hatte ich anzunehmen.

Der oral, auf Säuglingsstufe zurückgebliebene Vater begegnete mir vom ersten Atemzug an feindlich und voller Eifersucht. Ich nahm ihm die Mutter weg. Ich bekam scheinbar das, was er selber so dringend benötigte. Ich wurde zu seiner Konkurrenz. Oft gewalttätig hielt er mich auf Distanz. Am liebsten hätte er mich umgebracht. Der Totschlag war immer gegenwärtig.

Ich lernte dabei das Schweigen, die Schmerzen unterdrücken und mich verbergen. Ich machte mich möglichst unbemerkbar. Pflegeleicht ging ich durch die Welt der Kindheit, ohne Ansprüche und Forderungen. Meine Überlebensstrategie war eine geglückte.

Die emotionale Verwahrlosung war gegeben. Es gab keine Grenzen, die liebevollen Halt geboten. Es gab nur grenzenloses Chaos, tiefste seelische Armut. Der Tod wäre eine Erlösung gewesen. Es gab jedoch eine Entscheidung, ich darf sie heute als eine Erleuchtung einstufen, die mich am Leben erhielt und mich zum Vabanquespiel ermunterte. An einem schönen, warmen Tag sehe ich mich hoch oben in einem Baum, einer alten, weissen Birke direkt am See, auf einem Ast sitzen, den Stamm mit dem rechten Arm fest umschlungen. Vielleicht bin ich neun Jahre alt, eher mehr. Der Wind wiegt mich sanft hin und her. Er singt mein Lied, das Lied vom Leben und vom Tod. Ich bin voller Verzweiflung und Trauer. Ich will meinem Leben ein Ende setzen. Ich will nicht mehr leben. Dieses Leben lohnt sich nicht. Lange starre ich in den Abgrund, aufs Wasser und auf den steinigen Grund. Es gibt keine Zeit mehr. Alles geht vergessen, alles ist leer. Wie lange ich dort sitze, weiss ich nicht. Doch plötzlich steht eine Erkenntnis plastisch und leuchtend vor mir. „Das Sich-selber-Töten steht mir als letzte Möglichkeit immer, zu jeder Zeit offen.“ Die Gewissheit dieser letzten Möglichkeit gab mir eine ungeheure Kraft und den Todesmut, das Leben trotzdem zu wagen. Mehr als sterben konnte ich nicht.

Damit überwand ich wohl meine frühe Depression. Ich trug sie jedoch als Zeitbombe, als Selbstmordbedrohung immer mit mir herum. „Wenn alles schief geht, bringe ich mich um!“ Das war meine Überlebensschlussfolgerung. Diese Einsicht rettete das Leben eines verzweifelten Jungen und machte mich zum todesmutigen Helden. Ich lebte stets mit dem Tod und schaute ihm oft in die Augen. „Hol mich doch“, schrie ich ihm entgegen.

Die Leute vom Dorfe kannten den Vater nur als Strassenengel, der Hausteufel wurde nicht zur Kenntnis genommen. Die Mutter, eine Fremde, war einsam und beziehungslos. Und ich wurde zum unerwünschten Aussenseiter.

 

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