Lebendiges Alter

Biografisches, geschrieben im Herbst 2005

In jungen Jahren las ich ein Buch aus dem östlichen Kulturkreis, das Lebensweisheiten enthielt, die mich beeindruckten. Dabei prägten sich mir zwei Möglichkeiten für ein kluges Leben ein: Die Anfängerhaltung – so leben, als ob alles, was ich tue, zum ersten Mal wäre. Ein fabelhafter Gedanke und ich übte mich darin. Allzu gerne wäre ich auch heute noch Anfänger, der jedes Ding zum x-ten Mal das erste Mal tut. Es war wunderbar meine Welt x-hundert Mal das erste Mal zu entdecken und zu lieben.

Die andere Weisheit, die mich beeindruckte, sparte ich für mein Alter auf: So leben, als ob jeder Tag der letzte wäre. Ich bin älter geworden, also lebe ich so. Das macht mein Dasein interessant, leicht und spielerisch, ohne Ziel im Hier und Jetzt. Ich vertreibe mir die Zeit und geniesse den Augenblick. Ich geniesse den Garten, setze mich mit der Schöpfung auseinander, entdecke täglich neue Wunder der Natur. Das Sterben ist kein Problem. Der Tag kommt von selbst. Der Tod ist eine beschlossene Tatsache. Aus meiner Zufriedenheit heraus kann er jedoch noch warten – er hat keine Eile. Wenn sich das Leben erfüllt hat – oder erschöpft – dann ist es Zeit.

Ich liebe, ich arbeite im Garten, ich freue mich, ich ärgere mich, aber immer bin ich voll da, bewusst und wach. Des Lebens Fülle kennt keine Kriterien. Ich lebe spontan mit dem, was ist. Immer ist es Zeitvertreib. Im Hier und Jetzt gibt es kein Ego, also keine Beschränkung. Jede Beschränkung schafft sich jeder selber.

Besonders Aufmerksam gehe ich auf meine Lebenspartnerin ein. Sie ist etwas jünger als ich. Wir haben viel Zeit füreinander. Immer, wenn möglich, suchen wir die Verschmelzung. Mit Körper, Geist und Seele.   Jedes Mal ein Jungbrunnen. Seinserfahrungen. Wiederum Zeitvertreib. Es gibt keine moralischen Behinderungs-Gründe. Die Liebe, das miteinander Verschmelzen ist zugleich ein Verschmelzen mit der Schöpfung.

Ich lasse die Vergangenheit ruhen! Sie ist wie sie ist. Daran gibt es nichts zu ändern. Ich hätte vieles anders tun können. Wirklich? Wenn ich zurückschaue, werde ich senil, wenn ich nach vorne schaue, kommt mir der Himmel in die Quere, wenn ich heute, hier und jetzt bin, dann lebe ich und kann den Lebensabend geniessen.

Ich weiss, dass ich sterben werde. Auf den Tod muss ich nicht warten. Da mich keine Ewigkeitssorgen plagen, mich nicht um Gut und Böse kümmern muss, im Hier und Jetzt lebe, kann ich die Tage geniessen. Ich tue recht und scheue niemanden.

Wenn ich jeden Tag so lebe, als ob er der letzte wäre, schiebe ich nichts vor mich hin. Alles was sein muss wird gleich erledigt. So bleibe ich aufgeräumt und offen. Was mich stört wird angesprochen und behoben. Es ist immer die Stimmung, welche die Umgebung prägt. Meine Stimmung. Deshalb stimme ich mich jeden Morgen ein. Aufwachen. Ich werde mir selber bewusst. Ich richte mich auf meinen Atem aus. Ich nehme wahr, wie der Atem ein- und ausströmt. Ich spüre meinen Leib, meine Lebendigkeit. Ich nehme meine Haut wahr. Ich bin dankbar und freue mich, dass ich bin. Ich richte meine Aufmerksamkeit auf meinen letzten Tag. Auf das Heute. Was habe ich noch zu erledigen, damit ich im Frieden gehen kann? Was will ich heute noch tun? Ganz bestimmt meine Lebenspartnerin lieben (ein letztes Mal), mit ihr zur Einheit verschmelzen – ihre Zärtlichkeit geniessen. Dieses Letzte-Mal ist jedes Mal von einer Intensität ohnegleichen. Meine Philosophie gewährt mir ein intensives Geniessen.

An was halte ich mich sonst noch? Ich pflege meine soziale Intelligenz. Wenn ich will, dass es mir gut geht, sorge ich dafür, dass es auch meinen Nächsten gut geht.

Gleiches mit Gleichen vergelten! (Keine Rache). Eine Wohltat ruft eine Wohltat hervor. Dem Unguten wird das Ungute gespiegelt. Es geht nicht um Gut und Böse. Es geht um soziale Intelligenz. Um Bewusstsein und Wohlbefinden. Um Lebendigkeit. Weil es heute mein letzter Tag ist, bin ich konsequent ehrlich, aber auch achtsam, damit ich niemanden verletze.

Vor vielen Jahren war es. Da suchte ich nach Gott. Überall. In der Kirche, in einer Sekte, in Afrika, in Indien, bei den Indianern, sogar im Himmel. Ich entdeckte die Leere und das Nichts – schliesslich eine universelle Energie, die im ganzen All ist, also auch in mir. Eine Energie, die mich aufrecht erhält, die meinen Leib durchströmt. Das ist der Grund, weshalb ich mit mir selber achtsam umgehe. Ich achte meinen Leib. Er ist der Tempel für meine Gefühle, ein Tempel für das Universum, ein Tempel für mein Wohlbefinden. Und wenn mein Körper stirbt? Dann wird mein Geist, das Bewusstsein sich auflösen. Mit dieser Philosophie lebe ich glücklich und zufrieden. Ich brauche keinen Himmel und kein Jenseits, kein Paradies und kein Versprechen auf ein ewiges Leben. Die menschliche Evolution, die natürliche und geistige, schreitet in einer anderen Richtung. Weiter und weiter. Der Mensch hat das Ende seiner Entwicklung noch nicht erreicht. Es gibt noch keinen, der die Welt sehen kann, so wie sie wirklich ist. Auch meine Welt ist so wie ich sie sehe. Wichtig dabei ist lediglich, dass mein Weltbild mich zufrieden macht. Eine Imagination, die mich erfüllt.

Stell dir vor, du lebst heute deinen letzten Tag. Die Fülle, die auf dich einbricht ist unermesslich. Reicht einen Tag um alles zu erledigen? Kaum. Also nimm dir eine Woche Zeit für den ersten letzten Tag. Aber, bitte, erledige in dieser Zeit wirklich alles, was du noch zu tun hast. Alles, was du aufschiebst, behindert dich im Hier und Jetzt zu leben.

In meinen besten Jahren leitete ich einige Seminare, in denen die Teilnehmer mit dem Sterben konfrontiert wurden. Es begann abends um zwanzig Uhr und endete am andern Morgen um acht Uhr. Die gemeinsame Sterbestunde war auf morgens sechs Uhr angesagt.

Wir waren für diesen Prozess in einem engen Raum eingeschlossen. Spärliches Licht. Jeder hatte sich mit seinem Sterben auseinander zu setzen. Seinen Lieben Abschiedsbriefe, ein Testament, die eigene Todesanzeige zu schreiben, und abschliessend sein Leben mit der eigenhändigen Biografie zu beenden. Obwohl alles reine Fantasie war, der Prozess, den jeder durchlief, war existenziell.

***

    Ich liege meditierend auf dem Bett, auf dem Rücken und stelle mir vor, dass ich in einem Sarg liege – in meinem Sarg. Alsdann bin ich achtsam auf meinen Atem, auf den ein- und ausströmenden Atem und dann auf mein Rückgrat ausgerichtet, auf meine Aufrichtigkeit. Und dann beginnt das grosse Loslassen. Ich nehme Abschied von allem. Ich durchwandere kurz mein Leben. Gibt es noch etwas zu erledigen, zu verzeihen, zu entschuldigen?

Durch die Jahre ist diese Meditation emotionslos geworden – heute von einer starken Energie getragen. Es gibt keine Altlasten mehr. Früher war ich immer wieder an Unerledigtem hängen geblieben. An Handlungen, die ich mir noch nicht verziehen hatte; an Sachen, die ich mochte und nicht hergeben wollte. An tausend kleinen Dingen blieb ich haften. Ich lernte das Abschiednehmen. Sagte meinen Kindern Lebewohl, meiner Gattin und wünschte allen einen gesegneten und lichtvollen Lebensweg. Heute hafte ich nirgends mehr an. Der tägliche Abschied ist zu einer kurzen Meditation geworden. Frei von allem bin ich voller Kraft und Lebensfreude.

Ich stelle mir vor, dass ich nur noch heute zu leben habe. Was habe ich noch zu erledigen? Was will ich heute noch tun? Anfänglich waren es viele Dinge – und heute? Heute lebe ich meinen letzten Tag, ganz entspannt im Hier und Jetzt. Es geht darum diesen Tag sinnvoll zu verbringen. Wie vertreibe ich sinnvoll die Zeit. Es gibt keine Leistung mehr.

***

Wir hatten Gäste auf unserer Bio-Finca. Eine kleine Plantage auf einer der Kanarischen Inseln:

Der junge Mann mir gegenüber wirkte aufgeweckt und munter. Er weilte mit seiner Frau und seinen Schwiegereltern auf unserer Finca – die Schwiegermutter aus Krankheitsgründen. Er suchte immer wieder meine Nähe, bot seine Hilfe an, stellte mir Fragen – er war wissbegierig und wollte mich ergründen. Es entstanden interessante Situationen, die mich für ihn öffneten. Seine Nähe regte mich an und ohne es zu wollen gab er mir auch indirekte Antworten, die mich bereicherten.

An einem sonnigen Morgen suchte er von neuem das Gespräch: „Ich kann nicht verstehen, dass viele junge Menschen alt und verwelkt wirken.“

Ich antwortete: „Menschen, die sich mit ihrem Körper identifizieren wirken stets alt und welk. Sie sind sterblich. Der Körper stirbt. Sie haben Angst davor. Weil sie ihre Probleme somatisieren, werden sie gebrechlich und krank. Verdrängte Probleme schlagen auf die Organe. Jeder kennt die Reaktionen des Magens, wenn er etwas nicht mag, wenn er machtlos und überlastet ist, wenn er Abneigung empfindet – wenn ihm eine Situation zum Kotzen ist. Jedes Organ reagiert auf bestimmte Empfindungen. Jeder weiss, wie sein Körper auf Freude reagiert, jeder weiss, wie er auf Liebeskummer, Trauer oder finanzielle Sorgen anspricht. Alle negativen Faktoren schwächen und können in eine Krankheit führen; liebevolle, freudvolle Ereignisse hingegen stärken den Organismus und sind dementsprechend heilend.

Dann gibt es die Rationalisten, die ganz auf die Vernunft ausgerichtet sind. Das Denken steht im Vordergrund. Sie leben nach ihren eigenen ethischen Normen. Je nach Ausrichtung wirken die Betroffenen steif, eingefroren, manchmal sehr kontrolliert. Soziale Werte stehen im Vordergrund. Der Status ist wichtig, der Besitz. Das Haben steht vor dem Sein. Viele von ihnen sind beziehungsunfähig, weil ihre ganze Energie in materielle Werte fliesst. Sie missachten und missbrauchen den physischen Körper genauso wie den spirituellen.

Menschen hingegen, die sich mit dem Geist identifizieren wirken jung, ihr Körper bleibt beweglich und frisch, das Sterben ist für sie kein Problem, der Körper geht, der Geist bleibt. Der Geist ist ewig jung, stets hier und jetzt. Es gab in meinem Leben einige intellektuell ausgerichtete Leute, die wollten mich zur Pensionierung als alt und verbraucht abschieben. Ich gab ihnen zur Antwort: ‚Mein Geist ist nicht älter als der eurige, für den Geist gibt es kein Alter. Der Geist ist immer gegenwärtig von ewiger Jugend. Was ich euch allerdings voraus habe, ist gelebtes Leben, Weitsicht, Reife.’“

Die Augen des Mannes leuchteten auf. Er hat mich verstanden. Er nahm meine Worte sofort als Idee auf – ein Mann mit vielen Ideen, die er in seinem Leben zu realisieren versucht. Er hat immer etwas zu tun, zu finden, erfinden, ausprobieren. Deshalb wirkte er lebendig. Unternehmenslustig. Er verstand seinen Körper als ein Werkzeug für seine Verwirklichung. „Ein Vehikel wie ein Auto, das gepflegt sein will, das ab und zu in die Werkstatt muss, um seinen Service zu bekommen.“ Er sagte und meinte es ironisch. Er war mit seiner Aussage auf der richtigen Spur. „Ohne Körper könnte ich in dieser Welt nicht wirken – aber was ist nachher?“

Ich versuchte ihm noch zu erklären, dass ein ganzheitliches Leben aus allen drei Komponenten besteht, aus dem physischen Körper, der rationalen Ebene und der geistigen; ‚Körper, Seele und Geist’, wie es vereinfacht im Volksmund heisst.

Er war in seinen Gedanken bereits woanders und fragte nach einem Leben nach dem Tod des Körpers. Ich wollte jedoch auf dieses Thema nicht eingehen, weil es für mich nicht von Bedeutung war. Ich antwortete deshalb: „Das ist für mein Leben nicht von Bedeutung. Ich lebe im Hier und Jetzt und jeden Tag, als ob er der letzte wäre. Der Augenblick wird kommen, da wird das Sterben zum Hier und Jetzt. Die Frage wird dann von selbst beantwortet. Als Tatsache.“

Aber Sie müssen sich irgendwann damit auseinandergesetzt haben. Sonst könnten Sie nicht Leben wie sie jetzt Leben. Was hat das Leben in ihrem Alter noch für einen Sinn? Sie wirken entspannt, sind literarisch tätig, arbeiten im Garten und lassen sich nicht helfen.“

Ich lachte leise vor mich hin und schaute ihn prüfend an. „Dein Helfen würde mich in den Stress treiben … Ich müsste eine Leistung erbringen, damit du etwas zu tun hast und ich müsste auf deinen Rhythmus eingehen. Ich arbeite seit langem nicht mehr. Wenn du mir hilfst, nimmst du mir etwas weg. Das, was ich tue ist Zeitvertreib. Verstehe mich richtig. Ich lebe im Hier und Jetzt und vertreibe mir die Zeit. Andere spielen mit Karten, versuchen sich selbst und die Zeit zu vergessen. Arbeitsleistung und Spiel vertragen sich nicht. Ich geniesse mein Leben, mein Dasein und habe meine Spiele – meinen Zeitvertreib. Und ich bin neugierig. Ich möchte noch einiges entdecken und ausprobieren. Immer spielend. Auch meine Frau spielt mit. Wir haben täglich Zeit füreinander. Wir sind immer erotisch. Und wenn der Tod sich meldet und das Sterben beginnt – ich bin neugierig darauf.“

Nach einem längeren Schweigen, in dem mein Gegenüber mit sich selber beschäftigt war, erhielt ich intuitiv eine Antwort auf seine Frage, was denn nach dem physischen Tod sei. Aus meiner inneren Stille sagte ich: „Der Körper wird wieder zur Erde und mein individuelles Bewusstsein wird sich in seiner Eigen-Art auflösen. Das ist gut so. Es hat nichts Erschreckendes an sich. Damit lässt sich gut leben. Ich wünsche mir das völlige Erlöschen. Da gibt es keine Fantasien von einem Leben nachher. Auch eine Wiederkunft ist unerwünscht.

Das Sterben hängt nicht von dem ab, was nachher sein wird, sondern von der Lebensfülle. Sobald sich das Leben erfüllt hat, fällt der Abschied leicht. Geschieht das Sterben aus der Enttäuschung, ist die Seele noch hungrig, das Leben ungelebt, dann ist die Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits eine Zuversicht, die an den Glauben appelliert. Ob das Sterben eine Erlösung aus dem Leiden ist oder das Ergebnis eines erfüllten Lebens ist ein gewaltiger Unterschied. Für den Geist ist es die Heimkehr ins Nichts, in jene Ebene, aus der er kam – eine Heimkehr ins kosmische Energiefeld.

Ich kann aus meinen Erfahrungen gut nachvollziehen, dass das Sterben zu einer letzten Einsicht, zu einer Erleuchtung, zu einer Seinserfahrung führt, wie sie von erleuchteten Menschen schon zu Lebzeiten beschrieben wird. Ein wunderbares Erlebnis, das mit dem totalen Loslassen eintrifft.

Die Erleuchtung ist immer eine Seinserfahrung, auch dann, wenn es eine Begegnung mit dem Nichts ist. Dieses Nichts ist gut verständlich – sämtliche Vorstellungen und Gedanken verschwinden, es entsteht eine Leere, dafür öffnet sich ein enormes Energiefeld, das durch den dafür offenen Menschen schöpferisch wirkt. Beim Sterben wird sich mein individuelles Bewusstsein auflösen – der Körper stirbt und das ewig bleibende Energiefeld findet durch ihn keinen Ausdruck mehr. Das Werkzeug hat ausgedient und stirbt.

Dass dieses kosmische Energiefeld bleiben wird und durch andere ebenso wirken kann wie durch mich und nach meiner Auflösung noch weiter wirkt, ist eine simple Tatsache ohne emotionale Rührung. Der Kosmos ist Fluss und Schwingung. Da unsere Erde sowieso ein Teil des Kosmos ist – und die Menschen, die darauf leben gleichermassen – braucht es nur das Sich-Öffnen des Einzelnen, um daran teilzuhaben. Die Behinderung dafür ist meist das bildliche Denken von himmlischen Wesenheiten.

Ich rede aus Erfahrung. Aus diesem Energiefeld habe ich therapeutisch gewirkt und vielen Menschen neue Lebensqualitäten vermittelt. Nie habe ich an den Glauben appelliert, ich habe stets das Wissen und die Vernunft, die Ganzheit des Menschen angesprochen. Es braucht keinen Glauben um die Tatsachen des Lebens zu sehen und zu begreifen.

Dieses Energiefeld steht jedem Interessierten offen. Ausdruck davon ist das „Im-Fluss-Sein“. Abertausende nehmen daran Teil. Gelehrte, Studenten, Sportler, Alltagsmenschen, vor allem jedoch Künstler, die daraus kultur-kreativ schaffen. Es braucht keine Umwege über Kirchen, Sekten und anderen Glaubens- und Verheissungswege. Weil es wirklich ist, braucht es keinen Glauben. Es ist erfahrbar. Es braucht keine Gebete, keine Rituale, keine Gesänge und Tänze. Es gibt nur eines: sich dafür öffnen. Eine gewisse Bildung, Einsicht und das Interesse dafür genügt! Unzählige erleben dieses Feld – ohne es zu wissen – während der Liebe, im Orgasmus. Deshalb ist es wichtig auch im Alter die Liebe zu pflegen. Das ist ein herzhafter Zeitvertreib, mit Zärtlichkeiten, Kuscheln, ineinander Verschmelzen. Einander auskosten.“

***

Ich liebe meine Frau mit der Intensität des Abschiedes. Wir geniessen dieses letzte Mal mit allen Fasern des Lebens, geniessen miteinander das ineinander verschmelzen. Ein Hohelied an die Schöpfung.

Unsere Liebe ist jung geblieben. Stets ist es das letzte Mal. Ich will sie voll auskosten. Ich will in ihre strahlenden Augen sehen und sie mit ins Sterben nehmen. Ich gebe ihr alles, was ich ihr geben kann und nehme alles entgegen, was sie mir zu schenken hat. Es soll meine letzte Erinnerung an meine Gattin sein. Wer zuerst geht, ob sie oder ich, spielt keine Rolle. Wir sind erotische Menschen und aufeinander eingestimmt, immer offen füreinander. Ich bin achtsam, dass nichts zwischen uns kommt.

Um zu begreifen, was ich unter Eros verstehe und damit es der neue Leser richtig versteht, hier eine kurze Erläuterung: Der Eros verkörpert den Drang nach glückhafter Triebbefriedigung. Damit ist nicht nur der Sex gemeint, ganz und gar nicht. In der klassischen Philosophie meint der Eros nichts anderes als den Drang nach Erkenntnis und schöpferisch geistiger Tätigkeit. Schliesslich entspringt daraus der Wunsch nach einer Welt, welche die glückhafte Erfüllung ermöglicht. Unter Triebbefriedigung ist aber auch die Selbsterhaltung gemeint, der Drang nach Schönheit und Selbstverwirklichung. Meine Partnerin und ich sind diesen Weg gegangen – immer stand die glückhafte Triebbefriedigung im Vordergrund. Bestimmt gehörte dazu die sexuelle Liebe, aber nicht nur!

Jeden Tag so leben, als ob er der letzte wäre, stimmt mich milde, macht mich aufmerksam, achtsam und unternehmensfreudig. Dadurch, dass ich frei von Altlasten bin, die Verhältnisse zwischen mir und allen anderen Menschen bereinigt habe, bin ich voller Kraft. Es gibt viele Meinungsverschiedenheiten, das geht voll in Ordnung. Ich muss nicht gleicher Meinung sein, es muss aber auch niemand meiner Meinung sein. Das gegenseitige Akzeptieren wird gross geschrieben, das Reden miteinander auch. Vielleicht bin ich anderen ein Dorn im Auge und man mag mich nicht. Das ist in Ordnung. Ich muss niemandem gefallen. Was die Leute sagen und denken ist mir völlig gleichgültig. Alte Weisheiten sagen es: „Tue Recht und scheue niemand“, oder: „Was denken die Leute? Sie denken, was denken die Leute“, oder: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“. Jeder hat irgendein Sprichwort im Hinterkopf, das ihm weiterhilft. Dazu gibt es massenhaft Bibelsprüche, für jeden Tag, beinahe für jede Situation – nur für dein Ego, für dein individuelles Wohlergehen gibt es keinen.

Ich achte darauf, dass ich niemandem etwas antue, das auf mich zurückfällt. Auch da gibt es uralte Weisheiten, die einleuchten und weiterhelfen.

Wenn z.B. meine Frau ins Auto steigt, um in die nahe Stadt zu fahren, verabschiede ich mich, als ob es der letzte Abschied wäre. Einfach ein guter Augenblick. Einander in die Augen schauen. Alles ist in Ordnung. Da war eine Katze, die mir in dieser Hinsicht einiges beigebracht hatte. Ich sass zur ebenen Erde im Wintergarten, umgeben von Sträuchern und Blumen. Unsere Siamkatze wollte durch die offene Tür ins Haus, aber ich verweigerte ihr den Eintritt. Es ist noch nicht Zeit. Sie soll noch ein wenig draussen bleiben und auf die Jagt gehen. Sie schaute mich gross mit ihren blauen Augen an und ging weiter. Eine Stunde später hörte ich Geräusche unter einem Busch in der Nähe. Ich ging hin um nachzusehen. Da lag unsere Siamkatze in den letzten Todeskämpfen. Sie hatte in Nachbars Garten ein vergiftetes Tier erwischt und verzehrt.

Jeden Tag so leben, als ob er der letzte wäre, ist eine Haltung die sehr aktiv macht. Das Sterben kommt auf mich zu, ich lebe nicht ewig. Der Körper verliert an Kräften. Er ist nicht mehr in der Lage alles zu vollziehen. Der Geist und der Wille stossen durch den älter werdenden Körper an unliebsame Grenzen. Das ist eine Tatsache und muss akzeptiert werden. De©r Rücken beginnt zu streiken, die Altersbresten melden sich – die Knochen werden langsam kälter. Das Bedürfnis nach Sonne und Wärme nimmt zu.

Der Körper ist schwach geworden, verbraucht – der Geist ist immer noch grenzenlos und überschreitet alle Grenzen. Das ist meine Auseinandersetzung. Mein Eingeständnis! Trotzdem unternehme ich täglich Dinge, die mich zufrieden machen. Ich fordere meine Körper ohne ihn zu überfordern. Ohne Leistungsanspruch. Der Alltag ist zur Meditation geworden. Die Arbeit im Garten ersetzt das Turnen und Jogging. Dabei kann ich stets von neuem die Wunder der Natur entdecken. Das Gedeihen der Pflanzen betrachten, die Blütenpracht der Blumen und Sträucher – die Obstbäume mit ihren Früchten. Täglich gibt es Tausend kleine Dinge, die Zuwendung brauchen – mich brauchen. Ein Leben in Fülle. Und es gibt noch viel zu entdecken! – Morgen unternehme ich eine Reise auf die andere Seite der Erde.

Bitte warten...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.