Heilen durch Bilden

Gesundheit ist Schönheit, nichts anderes

Heilen und Bilden ist in der Individualpsychologie von Alfred Adler seit anfangs des 20. Jahrhunderts ein fester Begriff. Ich selber kam durch mein eigenes Leben, mit den anfänglich negativen Erfahrungen, zu einem ähnlichen Verständnis. Das war jedoch kein Heilen und Bilden, sondern ein Heilen durch Bilden, ein Bilden, das zur Heilung führte. Um die Mängel zu erkennen und damit ich mich heilen konnte, musste ich mir ein entsprechendes Bewusstsein bilden. Da mir von der Herkunft her eine höhere Schulbildung verwehrt blieb, musste ich mich selber aufbauen. Meine transpersonale Erfahrung schenkte mir wohl ein höheres Bewusstsein und die Fähigkeit für ungewöhnliche Einsichten. Das hat jedoch mit Fachwissen und Bildung nichts zu tun. Um nicht einem religiösen Wahn zu verfallen, musste ich mir das nötige humanistische Wissen aneignen, damit ich meine Erfahrungen präzise, mit verständlichen Worten auszudrücken vermochte. So kam ich wie von selbst zu jenem Wissen, das mich zum Lehrer und Therapeuten machte. Damit erfüllte ich meine innere Berufung.

Die Transaktionsanalyse nach Eric Berne kam mir dabei sehr entgegen. Seine Dreigliederung von EL-ER-K ermöglichte die Transaktionen innerhalb der Beziehungen und jene innerhalb der eigenen Ich-Zustände zu erkennen. Diese Einsichten ermöglichten eine Neukonditionierung. Später kam auch die Kinesiologie nach Klinghartd dazu. Seine Methode ermöglichte alte Mechanismen zu entkoppeln und neue Entscheidungen zu verankern, ohne grosse psychodramatische Ergüsse. Voraussetzung dafür war die Fähigkeit, sich mit Feindbildern zu versöhnen und das setzte wiederum Einsicht und ein gewisses Bildungsniveau voraus. Eine Bildung, die befähigt, sich selber zu sehen, um die persönlichen, inneren Phänomene zu erkennen, sie bewusst zu machen, sie zu verstehen und zu verändern. Ein „Erkenne dich selbst“, wie es im antiken Griechenland am Apollo-Tempel zu Delphi stand. Erkenne dich selbst, so hiessen dann auch meine ersten Kurse, die mich zum Erfolg führten. Die Philosophen des antiken Griechenlandes haben mir vieles gegeben. Da blieb einiges an Weisheiten in mir hängen. Ihr Schönheitsideal stand mir nahe. Das eigene Erleben sorgte dafür, dass Kunst und Ästhetik zum Mittelpunkt meines Lebens wurde. „Jeder echte Mensch bedarf der Schönheit, als einzige Nahrung des Geistes.“ (Bettina von Arnim).

Ein ganz wesentlicher Impuls fand ich zudem im Buddhismus. „Nicht-Wissen um die Inneren Phänomene ist die grösste Sünde, weil sie das geistige Wachstum behindert.“ Ein Satz, der für mich zu einem Leitsatz wurde. Allerdings störte mich dabei das Wort Sünde. Es ist meist von religiösen Glaubensvorstellungen beeinflusst, die an der Wirklichkeit vorbeigehen. Deshalb änderte ich es und sagte Mangel. Denn dies weist darauf hin, dass etwas fehlt. Niemand kann ein Sünder sein, nur weil ihm die nötige Bildung vorenthalten wurde, oder dazu unfähig ist.

Ich hatte immer vor Augen, dass der Mensch Bürger zweier Welten ist, einer natürlichen und einer geistig kulturellen. Bei jedem Schüler aus dem christlichen Kulturkreis sah ich, dass sich diese beiden Welten bekämpften. Viele waren sogar von diesem ewigen Krieg gezeichnet. Den Meisten fehlte das Bewusstsein, um diesem Konflikt ein Ende zu bereiten. Sie lebten in unbewusster, emotionaler Bezogenheit. Ihnen zu sagen, dass sie sich lediglich einen Geist schaffen müssen, der ihrer Natur wohlgesinnt ist, begriffen die Meisten nicht. Ihre religiösen Prägungen sassen zu tief.

Die damals sich rasch verbreitende Transaktionsanalyse mit der Dreigliederung brachte ein gutes Konzept, um die Selbsterkenntnis zu fördern und dadurch auch die Selbstheilung. Dennoch brauchte der Reifungsprozess viel Zeit und Geduld.

Durch die Verkennung meiner Begabung durch meinen Erzieher, erfuhr ich früh in meinem Leben, dass Nicht-Wissen eine Behinderung ist, Wissen dagegen Freiheit. Jeder, der mehr wusste als ich, konnte mitreden und ich war zum Schweigen verurteilt. Jeder, der mehr wusste als ich, besass eine Macht, die mich zum nichtwissenden Spielball machte, denn ich wusste nie, ob das, worüber er redete leeres Geschwätz war oder echtes Wissen. Als gutgläubiger Junge glitt ich von einer Falle in die andere und wurde dabei zum Narren. Auch was die Mutter erzählte und behauptete war pures Gerede, meist Meinungen der ungebildeten Spezies Mensch. Aber alles, was sie sagte, war an ihre Absichten gebunden und das machte mich in meiner kindlichen Unschuld zum Werkzeug ihrer Manipulationen. Aber sie hatte die Rechnung ohne meine Intelligenz gemacht.

Dass falsches Handeln mangels Wissen geschehen kann, das bewies mir das Leben oft. Nicht nur mir. Es gibt viele andere, die machen solche Erfahrungen nach und nach. Das Gesetz nimmt darauf keine Rücksicht. Unwissen befreit nicht von der Verantwortung. Das Strafgesetz sagt deutlich: Nichtwissen schützt vor Strafe nicht.

Meine Familie gehörte nicht zu den Leuten, welchen das Wissen zustand. So blieb sie unwissend den inneren Phänomenen ausgeliefert und litt an den üblichen Folgen quälender Ungereimtheiten. Emotional gesteuert gab es nur Leidenschaften im negativen Sinne. Haltlos wurde jeder Regung nachgegeben. Aus den gemachten Erfahrungen konnten keine Lehren gezogen werden. Nur das Reden der Leute galt und war Massstab für jegliches Tun. So waren sie denn auch, wie die meisten Leute im Dorf, Osterchristen, die gerade mal zu Karfreitag und Ostern in die Kirche gingen. Gott, Kirche und Glaube waren kein Thema. Verpönt, Tabu. So fand ich auch für den christlichen Glauben kein Vorbild – hatte als Unwissender jedoch kein stichhaltiges Argument für oder gegen die Kirche und ihre Prediger. Auch hier fand ich keinen Halt. Aus meiner ganzen Ungewissheit heraus quälte mich mein Gewissen auf primitivste Art und Weise. Es konnte durchaus tyrannische Züge annehmen weil es wiederum auf Nichtwissen beruhte, weil es mit Bockmist der Erzieher, Eltern, Lehrer, Kirche gefüttert war. Ich bekam bald einmal genug von all den Ungereimtheiten, Manipulationen und emotionalen Quälereien. Mein innerer Drang nach Klarheit setzte sich durch und ich machte mich auf den Weg. Und siehe: Auch dieses primitive Gewissen mit seiner Angst vor Strafe löste sich auf und verlor seine Macht, sobald es durch echtes Wissen ersetzt wurde. So erfuhr ich mehr und mehr, dass Wissen erlösende Wirkung besass. Wissen ist Macht! Ein geflügeltes Wort, das auf den englischen Philosophen Francis Bacon (1561 – 1626) zurückgeht.

Da ich wissen wollte, las ich nicht nur die Bibel, das Alte Testament samt den Evangelien und der christlichen Kirchengeschichte, sondern auch Schriften anderer Glaubensrichtungen. Der Buddhismus brachte mir neue Einsichten, unter anderem auch, dass Nichtwissen eine Sünde ist. Die antiken griechischen Philosophen, Schopenhauer und Nietzsche gaben mir unzählige Impulse. Letztlich gab mir der Existenzialismus den nötigen Schliff für ein individuelles, verantwortungsbewusstes Leben.

Trotz aller Wissbegier kam ich an Grenzen, auf die ich keine Antworten fand. Fragen des Seins und eines Lebens nach dem Tode – da wusste ich bald, dass ich das nicht wissen konnte. „Ich weiss, dass ich nicht weiss.“ Diesen philosophischen Ausspruch hat der antike griechische Philosoph Platon seinem Lehrer Sokrates in den Mund gelegt. (427 – 347 vor unserer Zeitrechnung). Er meinte damit das wissende Nichtwissen um die letzten Fragen der Transzendenz – mit dieser Weisheit konnte ich gut leben.

Alles stand im krassen Gegensatz zu dem, was mir in meiner jugendlichen Not christliche Prediger und Seelsorger sagten: „Du hast zu Glauben und nicht zu Fragen – Frage nicht und tue deine Pflicht! – Du bist Christ und sonst nichts. Daran hast du dich zu halten!“ Bei diesen Glaubensvertretern wurde ich nicht verstanden. Keiner konnte mir sagen, was Kirche und Christentum wirklich ist. Ich litt unter diesem Nicht-Wissen und war den inneren Phänomenen ausgeliefert. Ich war ihnen ausgeliefert wie ein Säugling seiner Mutter, wie ein Klein-Kind den Prägungen seiner Eltern und Erziehern. Die frühkindlichen Prägungen sind die Substanz für das ganze Leben eines Menschen und wirkt erbarmungslos im Guten und im Schlechten. Sie können fördern oder behindern.

Innere Phänomene sind im Grunde nichts anderes als Komplexe wie sie die westliche Psychologie versteht, verursacht durch frühkindliche Prägungen, persönliche Schlussfolgerungen und Vererbungen, die aus dem Unbewussten wirken und nur mangels Bildung ihr Unwesen treiben können.

Ein Kind, das von den Eltern, zumindest von einem davon, emotional unerwünscht ist, ist allein schon durch seine Geburt für sein ganzes Leben geprägt. Unerwünscht! Mit einem solchen, unbewusst wirkenden, Phänomen durchs Leben zu gehen ist ein Horror und eine geistige Behinderung, die nur über die Bewusstwerdung und durch eine Neukonditionierung verändert werden kann. Ein solcher Mensch kann hinkommen wo er will, er hat stets das Gefühl, dass er unerwünscht ist.

Es gibt noch viele andere Prägungen, die mit der Geburt begründet sind. Eine schwangere Mutter wünscht sich zum Beispiel eine Tochter, sie gebärt jedoch einen Sohn. Welche Enttäuschung! Auch wenn sich die Freude später noch einstellen sollte, die Enttäuschung ist für das Neugeborene ein verheerendes Gefühl und prägt es für das ganze Leben. Es ist eine Enttäuschung und wird es sein ganzes Leben bleiben. Es kann tun und lassen was es will, es ist nie richtig. Das sind emotionale Qualen, die an der Realität vorbeigehen und, wie Beispiele beweisen, sogar im Freitod enden können.

Die frühen Prägungen können zu lebenslangen Phänomenen werden, welche ein Leben bis zum Tode behindern. Die Quelle dazu kann jedoch noch weiter zurück gehen, zurück zu den Vorfahren, in die Galerie der Ahnen. Die Hypothek früherer Leben, nicht erledigt und weitergegeben an die neue Generation, ist dadurch möglich, weil jedes Neugeborene in Gefühlseinheit mit den Eltern lebt, vor allem mit der Mutter, beginnend bereits im Mutterleib. Gefühle werden stets als Ich erlebt, gleichgültig ob es eigene sind oder fremde.

Wurde ich nach Beweisen über meine Ansichten gefragt, gab es nur eine Antwort: „Wie würde es dein Denken und Leben verändern, wenn dem so wäre?“ Da das Denken ungebunden und frei ist, ist es jedem freigestellt über Möglichkeiten nachzudenken und daraus Schlüsse zu ziehen. Wer jedoch an Tabus und Dogmen gebunden ist, dem steht ein freies Denken nicht zu, genauso wenig einem blind Gläubigen.

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