Alt werden – zur Weisheit reifen

Viele Menschen, die ihr Leben in den Dienst
der Gesellschaft gestellt haben, verloren den Kontakt
zu ihrem Wesen und das heisst, speziell
im Älterwerden, leiden. Wer mit seinem
Wesen verbunden ist, ist in Verbindung mit der
Transzendenz. Für den ist das Älterwerden
ein Reifen.

Älter werden heiß zur Weisheit reifen, zum eigenen Wesen finden und aus seiner Fülle schöpfen. Das kann ein schmerzvoller Weg sein, der Weg zurück zu dem, was man wirklich ist. Die bestehenden Gesellschaften erziehen ihre Kinder nicht wesensgerecht, sondern gesellschaftskonform, d.h. zu dem, was die Gemeinschaft zu ihrem gedeihen braucht, auf den Beruf und den Erwerb, auf den Konsum und den sozialen Status hin. Sich davon zu lösen ist nicht einfach. Aber ein reifendes Alter bedarf es. Ansonsten greifen Krankheit und Leiden bis zum Loslassen, schliesslich dem Tode.

Ausser dem Staunen ist das Leiden die Antriebswurzel für den menschlichen Geist, der das sinngemässe Werden des Menschen vollendet. Das Leiden ist der Weg für alle jene, die ihrem Wesen entfremdet sind, ihr wirkliches Leben nicht gelebt haben und ihr an die Welt gebundenes Ego nicht loslassen können oder wollen. Viele beharren auf ihrem gesellschaftlich erworbenen Status und möchten ihn am liebsten ins Jenseits mitnehmen. Aber im Sterben zählt nur der Mensch, niemals der gesellschaftlich bedingte Titel, Herr Professor, Herr Doktor, Herr Oberrichter!

Viele Menschen haben vergessen, oder verdrängt, dass sie auch ein inneres Wesen besitzen. Sie haben sich ganz der äusseren Welt zugewandt und sind ganz erstaunt, dass sie früher oder später, ganz sicher im Alter, leidend werden. Schliesslich haben sie als Bürger ihre Pflicht erfüllt! Es gibt genügend Literatur, die besagt, dass die Ablehnung das Wesens zu Krankheiten führt. Die westlichen Gesellschaften liefern dafür den Beweis zur Genüge. Sie sind den aufkommenden Krankheiten kaum mehr gewachsen und das Gesundheitswesen ist überlastet. Sie haben noch nicht eingesehen, dass eine ganzheitliche Erziehung den Menschen gesund gedeihen liesse. Nein! Sie überlassen das innere Gedeihen einer Kirche, die mit ihren einfältigen Vorschriften ihre Zöglinge in ihrer Entfaltung unterdrücken.

Ein betagter Geschäftsmann, im gehobenen Wohlstand, äusserte sich immer wieder erstaunt, dass seine geschäftstüchtigen Töchter für ihn keine Zeit haben und sich nicht um ihn kümmern, obwohl er krank und leidend war. Er hatte vergessen, dass er seine Töchter dazu erzogen hatte. Seine Devise, die er mitgab und allen empfahl: eine gesicherte Arbeit mit gutem, wenn möglich garantiertem Einkommen. Das innere Wesen hatte er verdrängt – das war Zeitverschwendung. Was sollen Seele, Religion und Transzendenz? Solche Innereien gab es für ihn nicht. Und nun im Alter: Pflegebedürftig und keine Seele, die liebend auf ihn eingeht. Die Töchter sind ganz, wie von ihm empfohlen, dem materiellen Erwerb zugewandt.

Viele Religionen und massenhaft Gläubige glaubten – glauben auch heute noch – dass Krankheiten Strafen Gottes sind. Karlfried Graf Dürckheim, der Begründer des Initiatischen Weges, wies darauf hin, dass derjenige, der im richtigen Sinne mit der Transzendenz verbunden ist, von Krankheiten frei bleibt. Er weist aber auch darauf hin, dass Leiden auch ein Reifen auf den Tod hin sein kann. Der Japaner Shioya gab in hohen Alter Hinweise wie man mit dem «Richtigen Atem» und mit positiver Vorstellungskraft geistig frisch und sportlich jung bleibt.

Und ich? Ich bin inzwischen 90 geworden. Mit 88 fuhr mir ein Schmerz ein, ohne irgendwelche Symptome – die oft zum Schreien sind. Psychischer Ursprung: Frühe Kindheit, als ich mich entschied, trotz Ablehnung durch Mutter und Vater, trotzdem zu leben. Dieses Trotzdem-Leben liess ein spontanes Leben nicht zu – und dieses nicht spontan sein können, raubte mir ein spontanes Erleben. Daraus gedieh ein beschauliches Alter mit vielen Reisen rund um die Welt.

Ich kann sterben und bin auch bereit dazu. Aber ich habe noch einen Auftrag zu erfüllen. Darüber bin ich sehr erstaunt. Würde ich im frühen Mittelalter leben, würde ich ganz und gar in die Rolle eines «Heiligen» passen – einen Narren oder Weisen…

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