Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang

Heidi wurde uns durch einen bekannten Facharzt und Spezialisten aus DSC03927Deutschland zugewiesen. Er war am Ende seines Lateins und immer dann, wenn er soweit war, waren wir auf der Kanarischen Insel La Palma mit unserer Gesundheitsfarm (spanisch Finca Sana) gerade die Richtigen für die weitere Betreuung seiner Patienten. Wir hatten angenehme Gästehäuser, stets frisches Gemüse aus dem eigenen Garten und sonnengereiftes Obst direkt von Bäumen. Alles aus biologischem Anbau. Verbunden mit fachgerechter Betreuung, bekamen die Gäste alles zum Wohlfühlen und um zu genesen.

Für die Abklärung des psychischen Hintergrundes einer Krankheit waren wir kompetent.

Heidi litt an epilepsieähnlichen Anfällen, die durchaus einem lustvollen Orgasmus ähnelten, die immer dann auftraten, wenn ein Mann, auch Arzt oder Therapeut, alleine in ihre Nähe kam, oder sie berührte. Ein gutmütiger Hirntumor pflegte sie so nebenbei und sorgte dafür, dass sie sich beklagen konnte. Sie brauchte viel Verständnis und bedingungslose Zuwendung. Die moralische Verurteilung einer an sich verwerflichen Handlung aus der Vergangenheit gehört nicht ins Repertoire eines Therapeuten.

Bei psychischen Hintergründen ist Einsicht, Akzeptanz und Versöhnung mit dem krankmachenden Anteil Voraussetzung für die Heilung. Das hat viel mit Eigen-Verantwortung zu tun, das heisst: Jeder ist für seine Krankheit selber verantwortlich. Aus dieser Verantwortung konnte, kann jede/r die Genesung angehen und vieles für seine Gesundheit beitragen. „Weshalb habe ich mir diese Krankheit zugelegt? Weshalb bin ich krank?“ Auf diese Fragen eine ehrliche Antwort zu geben ist sicherlich schwer. Viel leichter ist es Umstände dafür verantwortlich zu machen.

Ein Beispiel: Ein elfjähriger Junge holte sich die Kinderlähmung. Grund: Er wollte sterben, weil er die herrschende Eifersucht in seiner Familie nicht mehr aushielt. Das tägliche Gerangel um ein liebes Wort, um ein bisschen Zuwendung fiel in der Regel zu Gunsten der Geschwister aus. Jegliches Bemühen war vergeblich. Als er in den Krankenwagen getragen wurde, umarmte ihn die Mutter und küsste und streichelte ihn. Er spürte ihre Sorge, Angst und Liebe um ihn. Diese Zuwendung gab ihm Hoffnung und den Impuls zu überleben. Mit leichten bis mittelschweren Lähmungen kam er nach einigen Wochen wieder nach Hause. Die Verhältnisse innerhalb der Familie haben sich insofern geändert, dass er jetzt, durch die Lähmungen bedingt, von der Mutter mehr Zuwendung erhielt und die Geschwister auf ihn Rücksicht nehmen mussten. Das scheuerte die Eifersucht, den Neid und führte zu Gezänk. Bei ihm jedoch kam die Einsicht, dass er krank werden/sein musste, um Zuwendung zu bekommen. Das wirkte sich auf sein Leben aus. Er begann die Krankheit zu geniessen und verzögerte die Heilung. Seine Intelligenz und sein Gewissen liessen dies jedoch nicht lange zu. Volljährig, damals mit zwanzig Jahren hatte er genug davon und übernahm die Verantwortung für sich selbst und er begann sein Leben selber in die Hand zu nehmen. Erst als er nach Jahrzehnten von den Kinderlähmungsspätfolgen (Postpolio Syndrom) eingeholt wurde, brauchte er wieder ärztlich Hilfe und Betreuung.

Die Selbstverantwortung für die Krankheit zu übernehmen war für unsere Klienten oft der allerschwerste Schritt. Viele unserer Gäste fanden jedoch dadurch Heilung aus einem hoffnungslosen Leidensweg. Gesundheit ist immer kreative Selbstpflege und das ist Sache eines jeden selbst.

Der psychische Hintergrund offenbarte Heidi ohne grossen Widerstand. Mit 16 Jahren reiste sie alleine nach Kroatien, damals Jugoslawien in die Badeferien. Sie wollte es wissen und vögelte wahllos herum, so dass sie nicht wissen konnte, vom welchem Gay sie schwanger wurde. Für den ängstlich gepflegten, vom Sagen der Leute abhängigen Familien- und Geschäftsruf war ein uneheliches Kind der minderjährigen Tochter weitaus schlimmer als eine Abtreibung, die man gut und gerne verheimlichen konnte. Also Abtreibung. Das führte zu Gewissenskonflikten der Beteiligten. Ihre ältere Schwester übernahm eigenmächtig die Rolle eines Vormundes und begann Heidi wegen ihrer Verfehlung zu unterdrücken und zu tyrannisieren. Dafür benutzte sie kindische Glaubenssätze von ewiger Verdammnis, von Fegefeuer und Hölle.

Heidi selbst vermochte es nicht zu verkraften. Sie flüchtete in eine Krankheit, um dem schwesterlichen Terror zu entkommen. Zudem war sie dem Druck ihres eigenen Gewissens nicht gewachsen und so begann ein absurder Weg der selbst auferlegten Sühne und der Selbstbestrafung. Lebensfreude, Lust und Liebe wurden aus ihrem Leben gestrichen. Im Grunde suchte sie den Tod, ohne dafür die Verantwortung übernehmen zu wollen. Eine simulierte Krankheit – ein Stück Schlauheit, um weitere eingefleischte, moralische, religiös angehauchte Skrupeln zu umgehen, die in Etwa besagen, dass Selbstmörder nicht in den Himmel kommen.

In der Geborgenheit unserer Finca machte es ihr keine Mühe, sich zu öffnen. Sie war sehr dankbar, dass sie bei uns bedingungslos akzeptierend behandelt wurde und die Liebe einer heilen Familie erfahren durfte. Sie konnte ihre Fehlhandlungen eingestehen und loslassen. Innerhalb weniger Wochen gedieh sie zu einer bildhübschen Frau, voller Unternehmungslust und Lebensfreude. Sie half auf der Finca und in den Rebbergen, suchte und fand Bekanntschaften und war bald in unsere Familie eingegliedert. Doch wir hatten die Rechnung ohne den schwarzen Engel, ihre Schwester gemacht. Eines Tages tauchte diese bei uns auf, beglich die Schulden und nahm ihre Schwester mit nach Hause. Für Heidi etwas zu früh um völlig zu genesen. Dort gab es Arbeit in Hülle und Fülle, jede Arbeitskraft wurde gebraucht, und auf Grund von Heidis Vergangenheit gab es keinen Anlass die Zeit mit Rekonvaleszenz zu vergeuden. Sie musste ins alte soziale Umfeld zurück. Für sie mit schlimmen Folgen. Mit emotionalen Erpressungen wurde sie von ihrer Schwester unterjocht und zu einem Leben der Reue gezwungen. Der Glaube war stärker als die Intelligenz. Für ihre vermeintlichen Verfehlungen gab es keine Entschuldigung, nur Sühne.

Nach Jahren besuchte Heidi uns nochmals. Sie wollte nochmals an den Ort zurück, wo sie glückliche Wochen verbringen durfte. Eine hässliche, abgewirtschaftete Frau. Ein absurdes Werk der Selbstzerstörung. Ihre einstigen Bekannten waren empört: „Was hast du aus dir gemacht?“

Sie hätte mit ihrer Intelligenz aus ihrem Leben etwas besseres machen können. Sie ist an einer uralten, verrosteten Einfalts-Moral gescheitert! Ihr Katholischer Glaube an Sünde und Sühne und die Verheissung auf ein ewiges Leben, die ein reines Erden-Leben voraussetzt, haben sie unverhältnismässig geprägt. Dass Gott ihr verzeihen könnte fand in ihrem Glaubenssystem keinen Platz.

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