Ursprung und Gegenwart

Die Vergangenheit ist stets gegenwärtig

Das Leben beginnt mit der Zeugung. Da sind zwei Menschen, Mann und Frau, die sich sexuell vereinen und ein Kind zeugen. Beide geben dabei ihren Ursprung mit, der zur Grundlage des neuen Wesens wird.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Vereinigung. Es ist auch wichtig in welcher Verfassung sie sind. Verschmelzen sie miteinander voller Lust und Freude, in Liebe und Glück, ist für das neue Wesen eine gute Grundlage geschaffen. Muss sich jedoch einer der Partner unterwerfen, ist eine innige Verschmelzung sehr in Frage gestellt. Meist ist es die Partnerin. Oft genug gibt sich die Frau dem „Frieden zu Liebe“ hin, damit ihr Partner zufrieden bleibt und nicht bockig wird. Entsteht daraus ein Kind, wird in der Regel nicht nur die Eigen-Verantwortung dafür, sondern auch das werdende Kind abgelehnt. Das ist für das Werdende eine lebenslange Belastung. Es gibt viele Möglichkeiten, die ein neues Leben mit auf den Weg bekommt – und immer wirkt es und ist mitbestimmend für die Gegenwart.

Erlebt das Werdende während der Schwangerschaft im Mutterleib Wohlgefühle, ist das ein gutes Fundament fürs ganze Leben. Sind es Sorgen, Unzufriedenheit, ja Wut und Hass, wird das Leben schwierig werden. Die Gefühle der Mutter prägen während der Schwangerschaft und während den ersten Lebensjahren den Emotionalkörper. Gleichermassen prägen die Wünsche der Mutter an das Werdende eine ganz grosse Rolle. Eine Mutter wünscht sich herzhaft einen Sohn, es kommt jedoch ein Mädchen zur Welt. Eine grosse Enttäuschung, an der das Neugeborene sein ganzes Leben lang reichlich zu leiden hat. Es kann tun und lassen was es will, nie ist es richtig.

Aber auch Prägungen der Erziehung können ein Leben lang Situationen in der unmittelbaren Gegenwart belasten und in die Zukunft wirken. Da ist zum Beispiel eine intelligente Frau, gebildet, Mitte der Fünfziger. Sie beschäftigt sich erfolgreich mit spirituellen Heilmethoden und hat Zugang zu höheren Bewusstseinsebenen. Sie ist freie Mitarbeiterin an meinem Institut. Sie könnte das Hier und Jetzt voll geniessen. Es gibt jedoch in ihrer Vergangenheit noch einige dunkle Punkte, welche störend auf die Gegenwart wirken.

Die Vergangenheit ist immer gegenwärtig. Da braucht es oft nur irgend eine Situation, welche an ein Ereignis in der Vergangenheit erinnert und schon lebt dieses auf, beeinflusst und trübt das Hier und Jetzt.

Die erwähnte Frau stand mir von ihrem Wesen her nahe. Ich mochte sie und sprach gerne mit ihr. Eines Tages hatte ich das Bedürfnis mit ihr alleine zu plaudern. Deshalb liess ich ihr ausrichten, dass ich mit ihr gerne alleine reden möchte. Da geschah etwas Eigenartiges. Aus der netten, liebenswürdigen Frau wurde unerwartet eine trotzige Tochter mit einem ungewohnten Vokabular. Sie weigerte sich mit mir zu reden. Dazu fühlte ich mich in ihrer Nähe plötzlich unwohl. Ihre Projektion machte aus mir irgend eine väterliche Eminenz, die mir fremd war und der ich in keiner Weise entsprach. Ärger und Strenge stiegen in mir auf. Mit aller, mich schützenden Achtsamkeit ging ich diskret auf Distanz.

Fazit: Mein Wunsch „ich möchte mit dir reden“, haben in ihr alte, unverarbeitete Gefühle auf den Vater hin aufgeweckt. Sie wurde zum unreifen Mädchen und stiess mich ungewollt in die Vaterrolle. So endete ein sonst sehr gelungener Abend in einer betrübenden Disharmonie. Da mir solche Situationen durch meine Arbeit als Therapeut bekannt waren, konnte ich mich rasch davon befreien und den Rest des Abends mit meiner Partnerin in Wohlgefühlen verbringen.

Am kommenden Morgen sprach ich das Verhalten meiner freien Mitarbeiterin an und betonte, dass sie mich in die Vaterrolle gestossen habe. Ich bat sie, dringend ihr Verhältnis zu ihrem Vater zu klären, da ich für eine weitere Zusammenarbeit mit ihr, keine weiteren solche Belastungen wünsche. Als Therapeut konnte ich auf sie eingehen, ansonsten eine weitere Zusammenarbeit in Zukunft unmöglich geworden wäre.

Sie entschuldigte sich und öffnete sich für eine therapeutische Intervention. Eine beinahe banale Geschichte: Es war eine Familie mit drei Kindern. Der Vater, ein erfolgreicher Geschäftsmann, der für seine Familie nicht viel Zeit hatte und froh war, wenn alles reibungslos funktionierte und zuhause nicht auch noch gefordert wurde. Die Kinder und die tüchtige Hausfrau und Mutter wussten, solange der Vater schwieg war alles in Ordnung. Es gab nur selten, ganz selten, ein Familiengespräch, nie eine Anerkennung, ein Lob. Er intervenierte erst, wenn es etwas zu bemängeln gab. Dann hiess es: „Ich muss mit dir reden!“ Das damit Gemeinte wusste: Es gab etwas zu tadeln. Nicht immer sanft und wohlwollend, meist streng und bestrafend.

Ursprung und Gegenwart“. Der Philosoph und Schriftsteller Jean Gebser (1905-1973) schrieb ein sehr interessantes Werk zu diesem Thema

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