Nicht-Wissen

Platon
Platon

Früh in meinem Leben erfuhr ich, dass Nicht-Wissen eine Behinderung ist und Wissen Freiheit bedeutet. Jeder, der mehr wusste als ich, konnte mitreden und ich war zum Schweigen verurteilt. Jeder, der mehr wusste als ich besass eine Macht, die mich zum nichtwissenden Spielball machte, denn ich wusste nie, ob das, worüber er redete leeres Geschwätz war oder echtes Wissen. Als gutgläubiger Junge glitt ich von einer Falle in die andere und wurde dabei zum Narren. Auch was die Mutter erzählte und behauptete war pures Gerede, meist Meinungen der ungebildeten Spezies Mensch. Aber alles, was sie sagte, war an ihre Absichten gebunden und das machte mich in meiner kindlichen Einfalt zum Spielball ihrer Manipulationen.

Dass falsches Handeln aus Nichtwissen entsteht, das bewies mir das Leben oft.

Meine Familie gehörte nicht zu den Leuten, welchen das Wissen zustand. So blieb sie unwissend den inneren Phänomenen ausgeliefert und litt an den üblichen Folgen quälender Ungereimtheiten. Emotional gesteuert gab es keinen ruhigen Punkt. Haltlos wurde jeder Regung nachgegeben. Aus den gemachten Erfahrungen konnten keine Lehren gezogen werden. Nur das Reden der Leute galt und war Massstab für jegliches Tun. So waren sie denn auch, wie die meisten Leute im Dorf, Osterchristen, die nur zu Ostern in die Kirche gingen. Gott, Kirche und Glaube waren kein Thema. Verpönt, Tabu. So fand ich auch für den christlichen Glauben kein Vorbild – hatte als Unwissender jedoch kein stichhaltiges Argument gegen die Kirche und ihre Prediger. Aus meiner ganzen Unsicherheit heraus quälte mich mein Gewissen auf primitivste Art und Weise. Es konnte durchaus tyrannische Züge annehmen weil es wiederum auf Nichtwissen beruhte, weil es mit Bockmist der Erzieher, Eltern, Lehrer, Kirche, gefüttert war. Ich bekam bald einmal genug von all den Ungewissheiten, Manipulationen und emotionalen Quälereien. Mein innerer Drang nach Klarheit setzte sich durch und ich machte mich auf den Weg. Und siehe: Auch dieses primitive Gewissen mit seiner Angst vor Strafe löste sich auf und verlor seine Macht, sobald es durch echtes Wissen ersetzt und zur Gewissheit wurde. So erfuhr ich mehr und mehr, dass Wissen erlösende Wirkung besass.

Die Bestätigung blieb nicht aus. Da ich wissen wollte, las ich nicht nur die Bibel, das Alte Testament samt den Evangelien und der christlichen Kirchengeschichte, sondern auch Schriften anderer Glaubens-richtungen. Der Buddhismus brachte mir neue Einsichten, unter anderem auch, dass „Nicht-Wissen um die Inneren Phänomene die grösste Sünde ist, weil sie das geistige Wachstum behindert.“ Ein Satz, der mich tief prägte und zu einem Leitsatz wurde.

Sokrates
Sokrates

Trotz aller Wissbegier kam ich an Grenzen, auf die ich keine Antworten fand. Fragen des Seins und eines Lebens nach dem Tode – da wusste ich bald, dass ich das nicht wissen konnte. „Ich weiss, dass ich nicht weiss.“ Diesen philosophischen Ausspruch hat der antike griechische Philosoph Platon seinem Lehrer Sokrates in den Mund gelegt. (427 – 347 vor unserer Zeitrechnung). Er meinte damit das wissende Nichtwissen um die letzten Fragen der Transzendenz – mit dieser Weisheit konnte ich gut leben.

Alles stand im Gegensatz zu dem, was mir in meiner jugendlichen Not christliche Prediger und Seelsorger sagten: „Du hast zu Glauben und nicht zu Fragen – Frage nicht und tue deine Pflicht! – Du bist Christ und sonst nichts. Daran hast du dich zu halten!“ Bei diesen Glaubensvertretern wurde ich nicht verstanden. Ich litt unter diesem Nicht-Wissen und war den inneren Phänomenen ausgeliefert. Ich war ihnen ausgeliefert wie ein Säugling seiner Mutter, wie ein Klein-Kind den Prägungen seiner Eltern und Erziehern. Die frühkindlichen Prägungen sind die Substanz für das ganze Leben eines Menschen und wirkt erbarmungslos im Guten und im Schlechten. Sie können Fördern oder Behindern.

Innere Phänomene sind im Grunde nichts anderes als Komplexe wie sie die westliche Psychologie versteht, verursacht durch frühkindliche Prägungen, persönliche Schlussfolgerungen und Vererbungen, die aus dem Unbewussten wirken und nur mangels Bildung ihr Unwesen treiben können. Ein Kind, das von den Eltern, zumindest von einem davon, emotional unerwünscht ist, ist allein schon durch seine Geburt für sein ganzes Leben geprägt. Unerwünscht! Mit einem solchen Grundgefühl durchs Leben zu gehen ist ein Horror und eine geistige Behinderung, die nur über die Bewusstwerdung und durch eine Neukonditionierung verändert werden kann. Ein solcher Mensch kann hinkommen wo er will, er hat stets das Gefühl, dass er unerwünscht ist.

Es gibt noch viele andere Prägungen, die mit der Geburt begründet sind. Eine schwangere Mutter wünscht sich zum Beispiel eine Tochter, sie gebärt jedoch einen Sohn. Welche Enttäuschung! Auch wenn sich die Freude später noch einstellen sollte, die Enttäuschung ist für das Neugeborene ein verheerendes Gefühl und prägt es für das ganze Leben. Es ist eine Enttäuschung und wird es sein ganzes Leben bleiben. Es kann tun und lassen was es will, es ist nie richtig. Das sind emotionale Qualen, die an der Realität vorbeigehen und, wie Beispiele beweisen, sogar im Freitod enden können.

Die frühen Prägungen können zu lebenslangen „Phänomenen“ werden, welche ein Leben bis zum Tode behindern. Die Quelle dazu kann jedoch noch viel weiter zurück gehen, zurück zu den Vorfahren, in die Galerie der Ahnen. Die Hypothek früherer Leben, nicht erledigt und weitergegeben an die neue Generation, ist dadurch möglich, weil jedes Neugeborene in Gefühlseinheit mit den Eltern lebt, vor allem mit der Mutter, beginnend bereits im Mutterleib. Gefühle werden stets als Ich erlebt, gleichgültig ob es eigene sind oder fremde. Meine Biographie geht solchen Phänomenen nach. Sie wirkt deshalb über weite Teile absurd. Wer sie jedoch richtig liest, findet darin interessante, ausser-sinnliche Zusammenhänge, die phänomenal anmuten. Sie haben mit Glauben nichts zu tun und erheben keinen Anspruch auf Wissenschaft-lichkeit. Es ist auch kein esoterischer Hokuspokus. Sie haben alle einen logischen Charakter. Es sind Spielereien eines wachen Geistes, verbunden mit dem Bewusstsein, dass innerhalb der Schöpfung alles möglich ist.

Es gibt keine Beweise, dass dem so oder so ist. Wenn von mir Beweise verlangt wurden, gab es nur eine Antwort: „Wie würde es dein Denken und Leben verändern, wenn dem so wäre?“ Da das Denken ungebunden und frei ist, ist es jedem freigestellt über Möglichkeiten nachzudenken und daraus Schlüsse zu ziehen. Wer jedoch an Tabus und Dogmen gebunden ist, dem steht ein freies Denken nicht zu, genauso wenig einem blind Gläubigen.

Das Spiel des Lebens beruht auf einer freiwilligen Handlung oder Beschäftigung innerhalb festen Grenzen und bindenden Regeln, die ihr Ziel in sich selber hat. Stets ist sie begleitet vom Gefühl der Spannung, der Freude und des Andersseins als das gewöhnliche Leben. Daraus entsteht Kultur. Wer darüber mehr wissen möchte, dem ist das Buch „Homo Ludens“ von Huizinga, 1872 – 1945, Holländischer Kultur-historiker, empfohlen.

Ich vertraute meinem Bewusstsein und lieferte mich wieder und wieder Phänomenen aus. Ich riskierte mich stets selber und immer bekam ich Einsichten und Antworten. In diesem Spiel war ich stets der Gewinner, weil es mein Wissen, ja, meine Weisheit mehrte. Daraus entstanden all die Wohlgefühle, welche das Glück ausmachen. Wenn das Glück Lebensziel ist, dann habe ich mein Ziel erreicht und lebe damit seit mehr als fünfzig Jahren.

Und der Tod? – Er wird die Krönung eines guten Lebens sein.

 

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