Gewalt gegen alte Menschen

Aufmerksam wurde ich auf dieses Thema, als ich in den SF-Tagesschau eine Mitteilung las, dass im westlichen (christlichen) Kulturkreis jährlich über 4 Millionen alte Menschen misshandelt, geschlagen und missbraucht werden. Und: Die Dunkelziffer soll sehr hoch sein. Alleine in der Schweiz sollen es jährlich über 60 Tausend sein. Etwas bestürzt nahm ich diese Meldung entgegen. Es war genau zu jener Zeit, als ich selbst ein Opfer der Gewalt wurde. Mich erreichten während Tagen anonyme Botschaften, die mich unter die Erde wünschten. (Siehe: „Lotuswell ade!“) Mobbing in bester Qualität, versteckt hinter den Möglichkeiten, welche die moderne Elektronik mit Internet und Email bieten.

Mich begann das Tabu-Thema „Gewalt gegen alte Menschen“ zu interessieren. Es gab nur wenige Berichte. Das Thema war wohl bekannt, aber eben „tabu“! Nur eine Religiöse Gruppe nahm auf ihre Art Stellung dazu und stellte das christliche Gebot, „Ehre Vater und Mutter, damit es dir wohl ergeht und du lange lebst auf Erden“, in den Vordergrund. Das ist neben dem Gebot eine Verheissung auf Wohlergehen und ein langes Leben. Das hat offenbar im Leben vieler Christen keine Bedeutung. Wer seine Eltern ehrt, dem wird Wohlergehen und ein langes Leben auf Erden verheissen und wer Vater und Mutter ehrt kann gegenüber betagten Menschen nicht respektlos und gewalttätig sein. Da ist es erschreckend, dass ausgerechnet im christlichen Kulturkreis jährlich über 4 Millionen ältere Menschen gewalttätig bedacht werden.

Dass unchristliche Kulturen eine weitaus bessere Beziehung zum Alter pflegen, wissen alle, die zum Beispiel nach Thailand ausgewandert sind – was aber nicht heisst, dass dadurch die Beziehungen zwischen den Alten selbst besser werden. Alle nehmen ihre Prägung aus ihrer Heimat mit.

Ein Kurzbericht in der Boulevardzeitung Bild vom 27. 10. 2011, weist auf einen Demografiebericht der Bundesregierung hin, der davon warnt, dass die Gewalt gegen Senioren künftig stark zunehmen könnte! (Das Thema scheint Rubrik zu werden).

Eine Definierung des Begriffes Gewalt im Allgemeinen und gegen alte Menschen gibt es unter: www.hsm-bonn.de/downlad/07)

Gemäss der Menschenrechtskonvention ist

Gewalt die Beeinträchtigung menschlicher Grundbedürfnisse.

Folgen wir der Triade der Gewalt an alten Menschen (nach Galtung 1993 und Hirsch 2001) haben wir Hinweise, die den Begriff der Gewalt definieren. So wird von personeller, kulturellen und struktureller Gewalt gesprochen.

Unter personeller Gewalt versteht man, wenn (Krankheits-)Symptome nicht ernst genommen und Medikamente vorenthalten oder in Überdosis verabreicht werden. Weiter: Jemanden beschämen, bloss-stellen, bedrohen, (Mobbing) sexuell belästigen, vergewaltigen, schlagen, verletzen, fesseln, einsperren, Nahrung vorenthalten, isolieren, vernachlässigen, finanziell ausbeuten.

Kulturell: Die schweigende Akzeptanz von Gewalt gehört ebenfalls zum Thema. Vorurteile gegen das Alter, Scham der Opfer vor der Öffentlichkeit, starre intergenerative Beziehungsmuster, Ungleichheit psychisch und körperlich Kranker, „Sendungsbewusstsein“ der Professionellen. (Dieser Begriff ist frappierend. Es gibt Ersteller und Betreiber von Senioren-Resorts, die sind von diesem Sendungsbewusstsein besessen und gehen über „Leichen“, um ihr Ziel zu erreichen. Die Betagten sind lediglich Mittel zum Zweck. Eine Gemeinschaft hat sich den diktierten „demokratischen“ Gesichtspunkten zu fügen. Diesen Typen fehlt es in der Regel an Sozialer Kompetenz.)

Strukturell: Mangelhafte Diagnostik, mangelhafte Lebensräume, mangelnde Lebensqualität, inhumane Arbeitsbedingungen, mangelhafte Qualifizierung des Personals, unzureichende Durchsetzung von Gesetzen (Vorschriften), monetäre Einschränkungen.

Ein Beispiel, bei dem die Brutalität (Rücksichtslosigkeit gegenüber Betagten) mehrmals zu tragen kommt: Glitschige Gehwege, Verweigerung der Hilfe gegenüber einer verletzten Person, Unterschiebung böser Absichten und Belästigung.

Einer der üblichen Regengüsse entleerte sich über dem tropischen Senioren-Paradies. Die Gehwege wurden glitschig.

Die Seniorin A. (63 Jahre) bekam Besuch von der Schwester M. (76) aus der Schweiz. Sie war soeben vom Flughafen per Taxi angekommen. A. begleitete sie in ihren Bungalow, wo sie zusammen mit einem anderen Besuch während ihren Ferien wohnen konnte. Im Nachhinein wollte A. ihr aus ihrer eigenen Wohnung noch einige Utensilien bringen. Auf dem Weg zurück zur Schwester M. glitt sie auf dem nassen Gehweg aus und verletzte sich. Über dem rechten Auge eine Platzwunde, auf der Stirn und auf den Knien Schürfwunden. Was lag da näher als kühlendes Eis auf die Wunden zu legen? Eine dazu gekommene Helferin eilte zum Frühstücksbuffet und fragte nach Eis. Sie hatte kein Gefäss für den Transport der Würfel bei sich. Woher auch? Das gefiel dem, beim Frühstück sitzenden, sendungsbewussten Managing-Direktor ganz und gar nicht. Er begann haltlos auszurufen, quatschte von Eisbecherklau und hörte gar nicht, was ihm gesagt wurde. Sie erklärte, dass sie das Eis für A., welche sich verletzt hat, brauche und eilte mit einigen Würfeln davon. Der Managing-Direktor konnte es nicht auf sich beruhen lassen. Er begab sich nach einer Weile zum Bungalow, wo die soeben angekommene Schwester, vom langen Flug ermüdet, sich aufs Bett hingelegt hatte. Er polterte wie ein Betrunkener an die Tür und schimpfte böse vor sich hin. Vom ersten Schlaf aufgescheucht erklärte sie ihm, dass das Eis für A. bestimmt sei. Ob er darauf auch noch zur Wohnung von A. ging, ist unbekannt.

Inzwischen besorgten Helfer von A. einen Taxi zum Spital. Dort wurden die Wunden sorgfältig gereinigt und die Platzwunde über dem Auge genäht.

Eine Frage an den sendungsbewussten Managing-Direktor: Wo sind da Soziale Kompetenz, Hilfsbereitschaft, Menschen-Würde/Liebe und Anstand?

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