Die Kunst des Liebens

Hua Hin, 2. Januar, 2009

Das Leben erwartet von jedem einzelnen, von Kindesbeinen an, dass er sich in die Gemeinschaft einfügt, die Schule besucht, einen Beruf erlernt und sich möglichst fugenlos ins Erwerbsleben einfügt. Das Leben ist optimistisch und kaum einer hinterfragt die fragwürdigen Hintergründe des gegebenen Alltags. Das Recht auf Leben ist bereits durch die Zeugung besiegelt.

Vielleicht zwischen dem 50. Und 60. Altersjahr bemerkt er dann, dass er aus lauter Pflichten in persönlichen Belangen zu kurz gekommen ist. Das verpasste, ungelebte Leben meldet sich und heischt nach Erfüllung. Nur zu oft beginnt dann ein rücksichtsloses, nur auf sich bezogenes Nachholen des bis anhin Verpassten. Statt sich zu besinnen und mit dem Sein Fühlung aufzunehmen, werden Feste organisiert, wird masslos gefeiert und keiner wird satt. Aus Habsucht saufen und fressen sie sich voll, bis sie nicht mehr auf ihren eigenen Füssen stehen können. Sie rennen dem Vergnügen nach, schwatzen schwachsinnig in den Tag hinein, keiner hört zu, jeder will gehört werden – oft eine Szene wie auf dem Schulhausplatz: jeder schreit, lauter und lauter, weil ihm nicht zugehört wird.

In jedem Menschen lebt auch ein Quäntchen Religion. Meistens verdrängt und ungelebt. Das hat mit Kirche und Sonntagsschule nichts zu tun, sondern gehört zum gesunden Menschenverstand. Es ist ein Innewerden, auf das, was jeder in Wirklichkeit ist, innen und aussen, auf der Strasse und im stillen Kämmerlein, wenn er alleine ist und auf sich selber hört. Dort steckt mehr Nahrung, als ein 5-Sterne-Wirt je auftragen kann. Nahrung übrigens, die ihn erfüllt und aus dem Seins-Defizit heraus führt. Hier beginnt die Kunst des Liebens, sich selber und andern gegenüber.

Mit meiner Hellhörigkeit bin ich oft der Unbill defizitären Redens völlig ausgeliefert. Das Reden hat immer zwei Frequenzen: Worte, die etwas aussagen, begleitet von Gefühlen, welche die Worte begleiten und die verborgene emotionale Ebene preisgeben. Es gibt aus der Psychotherapieszene ein viel genutztes Beispiel. Ein Schüler kommt mit schlechten Noten nach Hause und muss damit, wie üblich, vor den Vater treten. Der sagt drohend und mit schlecht verborgener Wut: „Das ist ja ganz schön, was du da nach Hause bringst!“ Der Schüler empfängt zwei Botschaften. Die Worte sagen: Das ist ja ganz schön, was du da nach Hause bringst. Auf der emotionalen Ebene bekommt er die Wut des Vaters zu spüren. Der Junge entscheidet sich, nur noch auf die sinngemässe Aussage der Worte zu hören. Die Gefühlsebene wird ausgeschaltet. Dabei geht vergessen, dass bei jedem Reden die emotionale Ebene mitschwingt. Und diese Ebene gibt Auskunft über den echten Zustand eines Menschen. Der Tonfall eines satten Menschen ist ein anderer als jener eines Hungernden, auch wenn er behauptet, er sei satt.

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