Das Sein und das Licht

Die Seinserfahrung und mein Leben nachher
Die Weisheit des Bewusstseins

Während den ersten 25 Jahren meines Lebens gab es Ereignisse, die wohl zu meinem Leben gehören, nicht aber zu meiner Persönlichkeit. Es waren keine Begebenheiten aus dem Bewusstsein, sondern aus einem manipulierten Emotional-Körper, einer Verführung, deren Ursachen in einer beklagenswerten Erziehung zu finden sind. Eine Seinserfahrung mit 27 Jahren warf mich aus dieser mir aufgebürdeten Fremdbestimmung zurück auf mein Selbst, aus dem ich, nach Aufarbeitung meines Bildungsdefizits, wesensgerecht und meiner Persönlichkeit entsprechend handeln konnte.

Mein bewusstes und gewolltes Leben begann mit der Transpersonalen Erfahrung. Was daraus gedieh war, dass ich Menschen half aus ihrer Entfremdung / Fremdbestimmung wieder zurück zu ihrem Selbst zu finden. Eine Arbeit, die im Humanismus ankerte und keiner Ideologie, weder politisch noch konfessionell verpflichtet war.

Zurückschauend, aus der heutigen Warte, war meine Selbstfindung ein Abenteuer, dessen Folgen ich nicht absehen konnte, aus meiner Wut und aus meiner Naivität geboren – unwissend, von den Emotionen gesteuert. Dass ich überlebte, verdanke ich dem reinen Bewusstsein. Ich wollte Gott begegnen, ihm entgegentreten und ihn zur Rechenschaft ziehen, mit ihm abrechnen, für alles, was er einem Kind in erbärmlicher Weise angedeihen liess, durch Eltern, die nicht fähig waren, Kinder zu erziehen. Ein allmächtiger Gott, der Kinder verwahrlosen, verkommen und leiden lässt – wo ist da Allmacht? Wo ist da Liebe, Güte und Weisheit? Es war absurd und lächerlich.

Ich konnte damals nicht wissen, dass ich gegen ein primitives Gottesbild vorging, einer kindlichen Einbildung, welche der Realität in keiner Weise entsprach. Es war ein Gottesbild, das von den Erziehern geprägt wurde. Negative Vorbilder, die angstmachende Glaubenssätze vermittelten, die ihrer Feigheit entsprachen; eine Kirche, die mit einfältigem Getue, aus fadenscheinigem Hintergrund heraus, lebensfeindliche Unterweisungen erteilte, die alles Lebendige im Keime erstickte. Mein Kampf war auf eine Instanz ausgerichtet, die mit der Wirklichkeit Gottes nichts zu tun hatte.

Wenn ich heute von Gott rede oder schreibe, meine ich jene kosmische Energie, die universell und schöpferisch ist. Gott ist Energie und diese will gebraucht und nicht angebetet werden. Massgebend ist, wie ich mit dieser Energie umgehe und wofür ich sie einsetze. Sie wirkt in mir und durch mich. Ich bin stets offen für diese Energie und kann sie über mein Bewusstsein steuern. Ich bin! Wenn ich mit dieser Energie kompatibel bin, geht es mir gut. Ich kann sie jederzeit auf verschiedenen Eben einsetzen, ob erotisch, heilend oder künstlerisch-kulturell ist meine Wahl.

Die Heimsuchung war eine transpersonale Erfahrung, auch Seinserfahrung genannt – eine Erleuchtung. Alles Begriffe, die symbolisch auf etwas hinweisen, für das ich kaum treffende Worte finde.

Ich war 27 Jahre alt und es geschah im September 1956. Zu einer Zeit also, als ein solcher Prozess, in der westlichen Welt, noch den Geisteskrankheiten zugeordnet wurde, für den man keine Unterstützung fand, über den man besser schwieg, um nicht in ein Irrenhaus eingeschlossen zu werden. Hilfe von aussen war also nicht zu erwarten. Ich erlebte den Prozess von der Umwelt völlig abgeschottet in einer Zelle, die mir zum Symbol der Freiheit gedieh. Ich wollte sterben, einem absurden, qualvollen Leben ein Ende bereiten. Bedingungslos. Ich suchte den physischen Tod, ebenso die seelische Auflösung. Ein Leben nach dem Tode war nicht wünschenswert und die Philosophie der Seelenwanderung war mir noch nicht bekannt. Auch den Kopf, mit seinem qualvollen, verrückt-machenden zirkulären Denken, wollte ich hinrichten. Alles wieder zur Erde werden lassen. Meine Existenz, die keine war, eine armselige bestenfalls, hatte keine Lebensberechtigung. Ich haderte mit Gott und verfluchte ihn. Mein Zorn war selbstmörderisch und ich versuchte, alles wagend, ihm, dem so genannt Allmächtigen, zu begegnen. Eine Abrechnung war fällig. Ich verlor mich im Nichts. Was ich dafür fand war mein wunderbares Selbst, das ich als Kind, Jüngling und junger Mann nicht Leben durfte und verdrängen musste, um dem Willen meiner Erzieher zu entsprechen. Was starb war ein Misthaufen unheilvoller Prägungen und primitiver Gebundenheiten, die mich als Unsozialer von der Gesellschaft ausschloss. Ich kehrte aus einer fremden Welt zurück in meine eigene, die mir neu war, voller Überraschungen, einzigartig und keusch. Dabei kam meine wirkliche Begabung zum Vorschein, jene, die meinem Wesen entsprach.

Alle meine Versuche, in meine transpersonale Erfahrung Ordnung zu bringen, blieben Stückwerke. Sie werden es vermutlich auch bleiben. Das Ereignis war überwältigend, eine plötzliche, überfallartige Heimsuchung, die mich völlig aus dem Gleichgewicht brachte. Licht und nochmals Licht. Ein Alles-Sein und zugleich ein absolutes Nichts. Der Glaube, der mich zu einem religiösen Fanatiker gemacht hätte, fehlte mir und von der Herkunft her mangelte mir die Bildung, um den Prozess zu verstehen. Und Hilfe von aussen konnte ich nicht erwarten. Ohne Glauben, ohne Bildung und ohne Hilfe musste ich einer Flut von Eindrücken begegnen. Alles war auf einmal da. Es gab kein Nacheinander und keinen Bestand. Bis ich dem Fluss der inneren Ereignisse zuschauen konnte und von den Eindrücken nicht mehr eingenommen wurde, dauerte es mehr als zwei Jahre. Nur Dank meiner Beobachtungsgabe und Ordnungsliebe konnte ich überleben. „Jedes Ding an seinen Ort, erspart viel Müh und böse Wort“, eine Weisheit, die mich sehr früh prägte. Sie hing, ungeschickt auf einem Zettel geschrieben, im Wandschrank meines Vaters, in dem er seine wichtigen Dinge aufbewahrt hatte, gut sichtbar an der Innenseite der Tür. Später, beim Betrachten des Kosmos, als ich die Schöpfung als Energie erfuhr, fand ich die Ordnung bestätigt. Denn ohne Ordnung kann der Kosmos nicht bestehen. Und Ordnung kann nur durch Liebe (Hingabe) entstehen. Sehr im Gegensatz zu seinen alltäglichen Handlungen und seiner unwürdigen Vorbildfunktion, gab mir mein Vater, unbewusst und ohne Absicht, etwas mit auf den Lebensweg, das mir zum Segen wurde.

Es gibt ein eindeutiges Vor- und Nachher. Das Vorher war eine materiell gebundene, emotional gesteuerte, dürftige und unbewusste Welt, der ich völlig ausgeliefert war. Aber bei allem war ich ein guter Beobachter mit einem enormen Gedächtnis, der aus den gemachten Erfahrungen stets einen Gewinn ziehen konnte. Es war ein stetes Zusammenfügen einzelner Teile zu einer neuen Einheit, ein immerwährendes Wachsen bis dann mit der Seinserfahrung ein Quantensprung geschah, der alles auf eine höhere Ebene hob. Damit begann das bewusste Sein: Bewusstsein.

Was geschah, kann heute mit den Begriffen der tantrischen Weisheit mit wenigen Worten erklärt werden. Es war das Wachwerden und Aufsteigen der Schlangenkraft, der Kundalini, die sich mit der kosmisch-spirituellen Energie vereinigte. Das Zusammentreffen erzeugte das Licht – die Erleuchtung.

Der Begriff der Kundalini verbreitete sich Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre in Europa durch das Wirken der Schüler des Bhagwan Shree Rajneesh, später Osho genannt. Kundalini ist eine ätherische Kraft, die symbolisch als zusammengerollte Schlange dargestellt wird. Sie ruht am Ende der Wirbelsäule. Durch das Aufsteigen ihrer Kraft, meist durch einen langen, vorsichtigen Prozess, angestrebt, kann sie sich mit der kosmisch-spirituellen Energie vereinigen und den Menschen höchstes Glück bescheren. Es kann auch ganz spontan zu einem Sprung kommen, indem die Kraft von der Basis (Wurzelchakra) direkt zur Scheitel (Kronen-chakra) springt und alle anderen subtilen Energiezentren (Ckakras) überspringt.

Mein Erleben damals geschah ohne dieses Wissen. Ich beschreibe es so, wie ich es als Unwissender erlebte. Aus meiner Un-Bildung heraus, konnte ich es nicht anders erleben. Die Gefühle, die ich dabei erlebte waren echt und prägten mich neu. Für mich war es eine Begegnung mit Gott.

Ich lag auf der Pritsche und starrte, wie schon oft, konzentriert auf die weisse Wand mit einem kleinen Luftloch. Ich litt. Diesmal auch unter der sexuellen Energie, die triebhaft nach Befreiung schrie. Der Drang zu Onanieren war gross. Ich tat es nicht und blieb bei meiner Entschlossenheit zu krepieren ohne an mich selbst Hand anzulegen oder gewalttätig zu werden. Ich dachte an den Tod, nur auslöschen, sonst nichts. Kein Traum vom ewigen Leben, kein Traum von Paradies, nur ein unerwünschtes Leben zur Ruhe bringen. Ich fluchte den Schöpfer, verfluchte meine Geburt. Ich wünschte, ich wäre nie geboren. Nicht nur in diesem Augenblick. Diese depressive Grundeinstellung begleitete mich seit Jahren.

Ich konzentrierte mich auf meinen Atem, auf den ein- und ausströmenden Atem. Ich kam in eine weite Leere. Nichts, nur mein Atem. Plötzlich, völlig unerwartet sprang eine gewaltige Energie von unten, aus dem Gesäss hinauf in den Kopf. Ich hatte keine Ahnung, was das zu bedeuten hat. Es fühlte sich wie eine Ohrfeige an. Mein Kopf wurde leicht zur Seite geschlagen. Es wurde Licht. Dann begann sich das Rad zu drehen, ähnlich dem zirkulären Denken, jedoch ohne Inhalt. Eine Spirale, die mich reinigte. Grosse Gehirnwäsche. Ich blieb leer und gedankenfrei, ganz klar. Ich fühlte mich leicht und körperlos. Der sexuelle Drang war weg. Es war der Geburtsmoment eines höheren Ichs, des reinen Bewusstseins. Rein und frei entstand ein Leuchten. Ich badete im Licht. Ich fühlte mich eins mit Gott. Ich fühlte mich erhoben, stand über jeglicher Schuld und frei von jeglicher Forderung nach Sühne – frei von Schuld und Sühne. Ausgesöhnt. Gott hatte mir vergeben. Gnade floss in mich. Spürbar.

Hätte ich den nötigen Glauben gehabt, ich wäre zu einem religiösen Fanatiker geworden. Aber das wollte ich nicht. Ich wollte Gott begegnen, um mit ihm abzurechnen. Statt dessen wurde ich mit Licht und mit Gnade überschüttet. Ich schrie ihm ein Nein entgegen. Nein und abermals Nein! Und als ich ihn stellen wollte, begegnete ich dem Nichts. Nichts, Nichts und nochmals Nichts.

So wurde meine Gotteserfahrung zu einem Tanz von Irrlichtern. Rasch vorbeihuschend und wiederkehrend. Trotz meinem Nein, das Licht und die Gnade blieb bis zum heutigen Tag. Die Gefühle blieben. Das Bewusstsein sorgte für Ordnung und der Verstand lernte zu verstehen.

In meiner Naivität wusste ich nicht, dass sich das Gegenüber durch die Vereinigung auflöst, das heisst: ich wurde zu Gott und er zu meiner Armseligkeit. Wir waren eins. Eine Einheit. Das Gegenüber hatte sich als Gestalt und Gegenüber aufgelöst. Dadurch entstand ein Nichts, jetzt war ich alles selbst. Und da Gott Energie ist, reine Energie, erlosch auch jede Persönlichkeit, ebenso meine infantilen Vorstellungen und Einbildungen von Gott. Es war nur noch Energie, die Licht war. Und ein Gefühl das währte: „Ich bin“.

Meine Intelligenz konnte den Zustand weder verstehen noch akzeptieren. Meine Göttlichkeit. Wahnsinn! War ich nun Gott gleich ihm? Oder was? Durch die Verschmelzung gab es keinen Unterschied mehr. Er hat sich zu mir herab gelassen. Oder hat er mich zu sich empor gehoben? Wie dem auch sei. Mir war nur eines klar, dass ich durch diese Erfahrung nicht Gott, auch nicht seinesgleichen bin. Da gab es für mich ein deutliches Nein. Aber meine Gottgleichheit? Meine Göttlichkeit. Nein! Eines jedoch bemerkte ich in dieser Verschmelzung, etwas ganz Wichtiges. In dieser Gotteseinheit war ich nicht mehr auf Gott ausgerichtet, sondern auf mich selber und im Laufe der Zeit auf die Menschen. Das war für mich Beweis genug, dass Gott auf die Menschen ausgerichtet ist. Er ist also ein Humanist durch und durch, ganz und gar. Diese tiefe Wesenserfahrung war wohl das Prägnanteste. Die Religionsverkünder sind in einfältiger Weise auf ihn ausgerichtet. Sie vermögen den Schritt in seine Einheit nicht zu vollziehen. Sie bleiben getrennt. Mir wurde eines ganz klar: Nur ein von Gott getrennter Mensch kann auf ihn ausgerichtet sein. In seiner Einheit steht der Mensch im Mittelpunkt. Gott kann niemals auf sich selbst ausgerichtet sein. Dieses narzisstische Element bleibt den Menschen vorbehalten. Aus der Einheit heraus bot mir Gott kein Vis-a-vis mehr.

Und dann, auch wieder unerwartet, die Erkenntnis, ein starker Impuls, dass ich nun ein Partner der Schöpfung bin. In eigener Verantwortung. Was nichts anderes hiess, als mit meinen Möglichkeiten in der Welt zu stehen – und die Schöpfung bezeugen. Nicht mehr und nicht weniger. Als Mensch, schlicht und bescheiden als Mensch.

Die Einsicht war klar, eindeutig, und befreite mich vom Grössenwahn der göttlichen Einheit. Ich war Partner und der Mensch wurde zum Mittelpunkt. Diese Einsicht brachte Licht in mein Verhältnis zu Gott und zur Schöpfung, aber auch zur Erde und zu den Mitmenschen. Meine Fantasie bekam reale und sichtbare Ziele und verlor sich nicht mehr an unsichtbare, himmlische Wesen.

Durch mein Nein blieb ich lange Zeit im Chaos stecken. Ich wollte und konnte nicht akzeptieren, dass mir diese „Gnade“ geschah. Auf ein bis anhin verschissenes Leben, dem ich ein Ende machen wollte, ein Gnadenakt, der mir alles vergab, mich aus dem Gefängnis der Schuld befreite, mich aber auch in meine eigene Verantwortung stiess und verlangte, dass ich den Mitmenschen mit Wohlwollen und Liebe begegnete. Ich eliminierte auch das Wort Gott aus meinem Vokabular.

Trotzdem spürte ich stets, dass ich von einer neuen Energie getragen wurde, die mir eine innere Gewissheit vermittelte, ein Vertrauen, das mich über die Runden brachte. Heute ist mir klar: Es war ein Monate währender Kampf gegen den Wahnsinn – das sture Nein rettete mich davor.

Es dauerte bis ich alle Einzelheiten der Seinserfahrung ins Bewusstsein heben konnte, bis ich den inneren Halt fand, aus dem ich alle Ereignisse und das Leben betrachten konnte. Aus meinem Selbstwert heraus.

Auch die Körperebene spielte verrückt. Durch die spirituellen Ereignisse verlor ich den Kontakt zu meinem Körper, was ich als Erlösung empfand. Ich spürte keine Bedürfnisse mehr. Nirwana. Ich war ein Teil der Ewigkeit, Teil des Kosmos, Teil aller Schöpfungsgeschichten, die alle aus der gleichen Quelle stammten – aus derjenigen, die sich mir öffnete, die zu meinem neuen Zuhause werden sollte.

Wer von Chakren, den feinstofflichen Energiezentren gehört hat, weiss, dass die Kundalini-Energie, als ganz seltener Akt, vom Wurzelchakra nach oben zum Kronenchakra springen kann und die anderen dazwischen überspringt, also auslässt. So geschah es mir. Auch das Stirn-Chakra (Drittes Auge/Wahrnehmung) musste betroffen sein, weil mir die Seinserkenntnis zufloss. Durch das Kronenchakra kam ich mit dem reinen Bewusstsein in Kontakt und mit dem Universum.

Das Überspringen der vier erwähnten Chakras erfuhr ich später als Behinderung. Die Bereinigung in den Folgejahren beanspruchte viel Zeit und Geduld mit mir selber. Die Regel ist ja, dass die Kundalini-Energie in einem längeren Prozess von unten nach oben steigt, von einem Chakra zum anderen, dabei die Energiekörper reinigt und so eine Basis und eine Reife schafft, welche dem Öffnen des Kronenchakras gewachsen ist. Das geschah bei mir nicht. Wie bei einem Quantensprung wurde ich darüber hinaus geworfen. Ich musste mich quasi herablassen, mich auf dem Weg zurück in meinen Leib begeben und die Mängel bereinigen. Die Erfahrungen daraus kann ich nicht als Weg und Lehre empfehlen.

Heute gibt es viele Bücher, welche das Energiesystem und die feinstofflichen Körper des Menschen beschreiben. Deshalb möchte ich nur ganz kurz auf die Energiekörper eingehen und sie in mein dreigliedriges System integrieren.

Die esoterische Psychologie spricht von sieben Körpern (parallel zu den Chakren):

  1. den physischen

  2. den ätherischen

  3. den astralen

  4. den mentalen

  5. den spirituellen

  6. den kosmischen

  7. den nirvanischen

Da die drei ersten Körper miteinander aufs innigste verbunden sind, bilden sie in meiner Theorie das Körper-Ich. Der mentale Körper bildet das mentale Ich und der spirituelle, der kosmische und der nirvanische Körper bilden das spirituelle Ich.

Zur Kristallisierung der individuellen Persönlichkeit sollten sich alle feinstofflichen Körper entwickeln sonst entstehen Störungen und der Mensch fällt aus dem Gleichgewicht. Dies ist meine Erfahrung.

Unwissend und ohne die notwendige Bildung, konnte ich damals das Geschehen weder verstehen noch einordnen. Die einzigen Grenzen, die mir zustanden war die Realität der sozialen Ordnung mit den emotional gesteuerten Menschen, die meine Strahlung nicht verstehen konnten und in mir meist einen verwöhnten, arbeitsfreien Schöngeist sahen. Alle meine Bindungen zur sozialen Herkunft einer Arbeiterfamilie waren abgeschnitten.

Durch den Kontaktverlust zu meinem Körper, erlebte ich mich schmerzfrei, ohne Leiden, und frei von quälenden Emotionen. Ein Zustand des Nirwana. Über mehrere Wochen genoss ich eine zeitlose Zeit, eine Zeit der Freiheit und des Seins. Wach und staunend nahm ich alles entgegen und fand dafür keine Worte. Ich hatte das Gefühl des Überschüttetwerdens mit köstlicher Nahrung, Seim des Himmels. Poesie schaffte sich Raum, um all dem Ausdruck zu verleihen. Es gab kein Gestern und kein Morgen, keine Vergangenheit und keine Zukunft, nur das unmittelbare Hier und Jetzt. Es war ein Zustand zwischen dem Nicht-Mehr und dem Noch-Nicht. Und da war eine vollkommen körperlose, schwerelose Ebene, wo es keine Schmerzen mehr, kein Leid und keine Bedürfnisse mehr gab. Ich hatte alle einschränkenden Grenzen, alle Beschränkungen überschritten und wurde durch und durch erneuert. Der Gesang des Ich-Bin wurde immer kräftiger.

Das Einswerden mit dem Kosmos machte mich nicht zum Astrologen. Ich nahm die Astrologie wohl zur Kenntnis, sie gewann aber keine Bedeutung. Ich verpasste damit eine lukrative Einnahmequelle. Im kosmischen, oder meta-physischen Freiraum gewahrte ich die klaren und Ordnung bestimmenden Gesetzmässig-keiten, die für mich eine Wohltat waren. Ich wurde zum Astronomen, staunte über die Unendlichkeit des Alls und übernahm dessen Schwingungen. Die Vereinigung machte mich zum energetisch mitschwingenden Teil des Kosmos. Das war für mich Gott genug – der Kosmos mit seiner ganzen Unendlichkeit. Gott wurde mehr und mehr zum Bewusstsein.

Wie sollte es weiter gehen? Ich musste mich einmal mehr um die Eingliederung in die sozialen Strukturen der Gemeinschaft bemühen. Ein schwieriges Unterfangen. Eine unerbittliche Konfrontation mit dem sozialen Umfeld, das mir zu verstehen gab, dass ich so oder so nicht willkommen war. Erbarmungslos. Tagtäglich wurde die Eingliederung in eine Gemeinschaft gefordert, die mir feindlich schien. Und ich hatte keine Substanz – ob ich kriminell und ausgestossen war oder ein Mensch vom Sein geadelt machte keinen Unterschied. Ich war und blieb unerwünscht. Mit meiner Ausstrahlung und meiner Gnade stand ich alleine da. Nirgends ein Mensch, mit dem ich mich aussprechen konnte. Ein evangelischer Pfarrer wies mich lediglich zurecht: „Ich möchte nicht zum Narren gehalten werden. Sie haben zu glauben und nicht zu denken!“ Und für die Aufnahme in eine psychiatrische Klinik fehlte mir die Einweisung der zuständigen Amtsstelle oder eines Psychiaters. Und ich wollte keinen Stempel in meinem Leumund: Geistig gestört. Ich begann niedrigste Arbeiten zu verrichten, damit ich Geld für mein Überleben bekam.

Ich diente als Handlanger in der Gärtnerei meines Bruders, ohne Lohn, lediglich für Essen und Unterkunft. Eines Tages, vom Gewissen geweckt, sass ich einige Minuten auf der Kante eines Treibbeetes, horchte und schaute in mich hinein. Was wollte mein Gewissen? Was sollte meine Erleuchtung in einer banalen Welt der Unverständnisse? Aber meine subtilen Kräfte erneuerten mich rasch. Ich öffnete die Augen, schaute auf. Welche Überraschung! Die sichtbare Welt hat sich während den wenigen Minuten meiner Meditation verändert. Ich sah eine Welt in goldenes Licht getaucht. In einer Schönheit ohnegleichen. Das Schloss über dem Städtchen schien wie ein Gemälde, mit Firniss überzogen – ausstellungsreif. Es war nicht das Wetter, die Sonne oder ein besonderes Licht, welche die Welt verzauberten. Es war meine Verklärung. Wiederum war ich erlöst, in einer Welt der Schönheit aufgegangen. Ohne Moral und Einschränkung. Und so musste ich selber ausgesehen haben, denn ich hörte meinen armseligen Bruder, der spöttisch, in einem abwertenden Ton, zu mir sagte: „Goldfasan“.

Die ästhetische Freiheit war beglückend. Ich staunte und dieses Staunen war frei von Gedanken. Ich fühlte mich vollkommen vom Kopf bis zu den Zehen, eine Einheit von Körper, Seele und Geist. Das Gewissen schwieg. Keine Moral, die mich einengte. Es gab nur noch eine Welt der Schönheit und der Lebensfreude mit dem Lockruf der Musen. Der Maler war geboren. Ich hätte sofort zu Pinsel und Farben greifen sollen und nicht erst Jahre später unter dem Einfluss einer höchst lebendigen Muse und Geliebten. Vorläufig blieb ich dem Schreiben treu.

Die moralischen Werte vertrugen sich mit meiner Ästhetik schlecht. Ein grosses Spannungsfeld. Bald bemerkte ich, dass ich die beiden Ebenen nicht vermischen durfte. Ästhetik ist die Freiheit der Gefühle und misst sich an Schönheitsgrenzen, hässlich und schön. Die mir einst eingeprägte Moral differenzierte zwischen Gut und Böse. Über die Ästhetik konnte ich meine Gefühle befreien und in Freiheit gedeihen, die Moral zog mir eine Zwangsjacke über, die mich behinderte. Immer dort, wo sich die Moral in die Gefühlswelt einmischt, entsteht Leiden. Deshalb begann ich nach einer Philosophie zu suchen, welche den Gefühlen und der Natur wohlgesinnt ist.

Die Eingliederung in die soziale Gemeinschaft forderte eine Neuorientierung und beanspruchte meine ganze Aufmerksamkeit. Ich erlebte dabei haltlose, beinahe psychotische Zustände, denen ich nicht gewachsen, denen ich ausgeliefert war. Oft irrte ich tagelang herum. Ankämpfen, um mich zu erhalten, waren Kämpfe gegen Windmühlen. Sie erschöpften mich. Es war wiederum ein besonderes Ereignis: Erschöpft legte ich mich am Boden auf den Rücken. Die Müdigkeit zwang mich dazu. Ich schlief sofort ein. Nach wenigen Minuten war ich jedoch wieder hellwach. Die Müdigkeit verschwunden.

Unter dem Zwang der Müdigkeit lernte ich das Loslassen. Frei von Inhalten stand mir meine ganze Energie wieder zur Verfügung. Völlig erholt, frisch und munter, konnte ich mich unmittelbar wieder auf das Leben ausrichten. Nach einer solchen Erholung, noch liegend, gewahrte ich, dass mich heilende Energie durchströmte. Und später, nach einigen qualvollen Tagen, morgens beim Erwachen, wiederum heilende Energie, die mir Kraft und Wohlbefinden schenkte. Heilender Geist! Eine Energie, die ich strömen lassen und an Mitmenschen, aber auch an Tiere und Pflanzen weitergeben konnte.

Ich lernte rasch, dass ich nichts festhalten durfte. Einfach fliessen lassen, nicht ankämpfen, nicht in den Fluss steigen, sondern zuschauen wie es fliesst, wie es kommt und geht, wie es sich von selber auflöst und verschwindet. Das Leerwerden und das Frei-von-Gedanken-Sein gediehen mir zum täglichen Geschenk. Ich brauchte dazu lediglich den Rückzug für eine kurze Meditation.

Durch diesen meditativen Rückzug, verbunden mit dem Leerwerden, konnte ich immer wieder, aus dem Sein heraus erneuert, auf die Menschen zugehen. Das kam mir später als Erzieher/Therapeut sehr zu gute. Eine unschätzbare Begabung. Nach jedem Klienten, nach jedem Vortrag, nach jeder Kursstunde ein kurzer Rückzug, eine kurze Meditation und ich konnte wieder ohne Ballast und frisch vor die Menschen treten … Aus der schöpferischen Ebene heraus konnte ich jedem Menschen in jeder Sitzung, bei jeder Begegnung neu begegnen.

Mein Beobachter war hellwach. Mein Ich wurde mit ihm identisch. Das Letzte, was mir als Ego blieb war der Beobachter. Selbst in der Einheit mit Gott blieb er wach und gegenwärtig – Gott, der alles sieht, bin ich selbst! Ich war auf dem Weg der Erkenntnis. Aus jeder Erfahrung wurde neues Wissen. Mein geistiger Reichtum wurde unermesslich. Mein Intellekt, meine mentale Ebene funktionierte tadellos. Mein Gedächtnis hielt alles fest. Nichts ging verloren. Die Gefahr schwand immer mehr, mich in einem religiösen Wahn zu verlieren oder im Dunkeln unterzugehen. Die emotionale Intelligenz fand, fern von alten, kindlichen Prägungen, neue Ausdrucksweisen.

Daraus entstanden dann später auch meine persönliche Philosophie und diejenige für meine Lehrertätigkeit. Da ich mich den Menschen zuwandte, musste ich nach einem modernen Verständnis suchen, das mir abgenommen wurde und nachvollzogen werden konnte. Es gedieh ein Humanismus, der sich klassisch auf die alten Griechen beruft, auf Ästhetik und Lebensfreude, aber auch auf den tantrischen Buddhismus. Begierde und Leidenschaft verabschiedeten das Quasi-Nirwana und die Lebensfreude wurde zum Mittelpunkt meines Lebens. – Klassisches, altes Griechentum und den tantrischen Buddhismus miteinander verbinden, dazu braucht es Bildung und schöpferische Einsicht. Die Bildung habe ich durch das Studium der Weltgeschichte nachgeholt und das andere wurde mir als Talent gegeben. Mein Leben wurde zu einem subtilen Spielfeld.

Wieder unter Menschen wurde mein Körper bald einmal zum Problem. Die Natur rebellierte. Der Weg der Askese gedieh mir nicht. Die Erlösung im geschützten Raum war eines, dem Alltag, mit seinen Einflüssen, ausgeliefert etwas ganz anderes.

Nach einem mehrjährigen Verzicht, meldeten sich bei mir die natürlichen Bedürfnisse, stärker und stärker. Es gab keinen Ausweg, ich musste darauf eingehen. Verdrängungen führten zu Leiden und Krankheiten, zu Fehlhandlungen, zu Selbstverletzungen und Zerstörung. Sie behinderten mich in meiner Entwicklung. Da mir die christlichen Kirchen keine ethische Vorgabe für ein befriedigendes Geist-Körper-Seelenleben gaben, musste ich nach Grundlagen suchen, die mir erlaubten gewissensfrei das zu leben, was mein Körper-Ich brauchte. Schliesslich fand ich im buddhistischen Tantra meine Entsprechung. Eine anspruchsvolle Philosophie der Weisheit, welche auf die Begierden eingeht und sie erforscht, sie in keiner Art und Weise verteufelt. Ein sattes Bébé schreit nicht. Mit dem Sattwerden treffen Stille und die Freiheit von selbst ein.

– Hast du schon einmal einen Säugling beobachtet? Ein leibhaftiges Körper-Ich. Es schreit und schreit. Es hat Hunger und will leben, zumindest überleben. Die Mutter nimmt es an die Brust. Saugende Begierde. Langsam wird es satt und mit dem Sattwerden wird es ganz zufrieden und stille. Glückseligkeit. Für einen satten Menschen ist es einfach, sehr einfach, stille zu werden. Gut genährt ist die Stille willkommen, da macht sie keine Probleme. Solange ein Mensch hungrig ist, geht er auf Nahrung aus – die Stille nährt nicht. Sie ist Folge des Gestillt-Seins. Sobald du satt bist erscheint sie von selbst und küsst dich. Gestillt kannst du dich mit ihr vermählen. Also stille deine Begierden, bekämpfe sie nicht, sonst bleibst du hungrig. Du gehst ungestillt durchs Leben und wirst vielleicht zum lästigen Unruhestifter. Vergiss aber nicht: Die Trägheit eines satten Menschen verhindert nur zu oft von der Stille geküsst zu werden. –

Es gedieh eine wunderbare Wechselbeziehung zwischen Körper und Geist. Ich konnte in meinen Körper-Tempel eingehen und ihn empfinden, durch ihn leben und geniessen: Liebe, Freude, Lust, Schmerz und Mitfühlen. Ich liess es mir dabei Wohlergehen. Aber, und das war für mich wichtig: Ich war den triebhaften Bedürfnissen nicht mehr ausgeliefert. Ich konnte meinen Körper jederzeit verlassen und in eine spirituelle Ebene eintreten, in der ich von allen materiellen Dingen frei war. Oft spürte ich mich in einer totalen Neutralität, nur noch Energie, aufgeladen wie ein praller Phallus, durch und durch. Ein Alpha-Zustand.

Wenn ich mein materiell gebundenes Ich loslasse, heisst das ja nicht, dass mein Körper seine Funktionen verliert, im Gegenteil, er darf wieder sein, so wie er wirklich ist, mit all seinen Ur-Bedürfnissen – und mit seiner Intelligenz. Ich kann ihn wieder rein empfinden. Das Freiwerden vom materiellen Ego heisst nicht den Körper mit seinen Begierden bekämpfen, sondern den Bedürfnissen naturgemäss, aber achtsam, zu entsprechen. Das Körper-Ego besteht aus Hunger, ungestillten Bedürfnissen. Es ist durch falsche und widersprüchliche Glaubenssätze gesteuert oder gar lahm gelegt. Übertriebener Ehrgeiz, Anerkennungssucht, Gefallsucht, falsche Machtgier – alles auf der Basis ungestillter Bedürfnisse. Missbrauch über Missbrauch. Ein falscher Weg. Da gibt es keine Selbstfindung. Am Beispiel des Säuglings wird sichtbar, dass nach der Stillung der Begierden die Stille und das Wohlbefinden von selbst eintreten.

Und da waren bei mir noch einige Energiezentren (Chakras), die durch den Kundalinisprung übergangen wurden, die es zu bereinigen galt. Der grosse Vorteil war, dass ich die Arbeit von meiner spirituellen Warte aus angehen konnte. Die Kundalini-Schlangenkraft stand mir ja jederzeit zur Verfügung. Auf Abruf. Rasch entdeckte ich die Gesetze der Transformation. Im Nu war diese Kraft schöpferisch, im Nu heilend oder ich konnte sie durch meinen Körper einsetzen. Ich wurde zum Magier meiner Energien, die sich über mein Bewusstsein steuern liessen.

Sie diente mir auf drei Ebenen:

  1. der instinktiven Urprägung, (Sexualität, Art-/Selbsterhaltung);

  2. der heilenden, bewahrenden;

  3. der kulturell-kreativen, künstlerischen.

Die drei Ebenen machen schöpferisch keinen Unterschied. Es steckt immer die gleiche elementare Energie dahinter. Stets ist es eine Frage der Transformation und des Bewusstseins. Der Sex, das Grundprinzip für Paarung, Vereinigung und neues Leben. Dadurch gedeiht die menschliche Spezies von einer Generation zur anderen. Die heilende Ebene dient der Bewahrung und Aufrechterhaltung des Lebens und die kulturell-kreative hebt das Leben aus seiner Naturgebundenheit und bezeugt den menschlichen Geist. Immer ist es dieselbe schöpferische Kraft. Ein Spielfeld.

Sex war ein besonderes Thema. Ich mag mich noch sehr gut daran erinnern, als meine Sexualität sich von meiner Wahrnehmung abspaltete. Eine enorme Befreiung und ich glaubte mich auch frei davon – bis ich den Reizen der Natur wieder begegnete. Ich begriff, dass der religiöse Geist darauf bedacht ist, diesen Störfaktor für immer zu eliminieren. Die Tugendlehren verschiedener Religionen gehen sogar soweit, alles, was die Ruhe des Geistes stört, als Böse zu verurteilen. Der Sexualtrieb ist von Natur her eine der stärksten Kräfte und deshalb für Asketen und Gottstreber besonders gefährlich, ein Unruhestifter, der die besten Vorsätze zu Nichte machen kann – anderseits jedoch, den Berufenen in unermessliche Höhen heben kann. Was soll da die Verteuflung? Es wäre intelligenter zu lernen damit umzugehen.

Solange ich mich in meiner Klause und in der Bibliothek bewegte, hatte ich meine Ruhe. Aber immer dann, wenn ich hinaus in die Natur ging, in den Garten, in die Gärtnerei oder in den nahen Wald, begann eine innere Erregung. Mehr nicht. Keine Erektion. Sobald ich jedoch wieder unter Menschen im Alltag war, gewahrte ich bald, dass ich durch ein keusches Leben mein eigenes Grab schaufelte. „Allzu grosse Keuschheit führt in den frühen Tod“, ein Satz aus der grossen Literatur, der in meinem Gedächtnis hängen geblieben und in dieser Phase der Entwicklung präsent wurde. Er half mit, mich neu auf die Sexualität auszurichten. Als blonder Naturbursche war ich für ein asketisches Dasein ungeeignet.

Es ging gut zwei Jahre bis ich die Abspaltung korrigiert hatte und der Sexualtrieb wieder zu meiner Verfügung stand – nicht frei flanierend, sondern meinen bewussten Impulsen gehorchend. Die Lehre des Tantra war mir eine grosse Hilfe und wurde zu meinem Lebensbegleiter.

Eine kurze Meditation genügte jeweils um die Ebenen zu wechseln. Ich konnte mehrmals am Tag mit einer oder mehreren Frauen die Vereinigung feiern und die Einheit geniessen. Auch in Stresssituationen, bei grosser Müdigkeit, sogar bei Erschöpfungszuständen, fand ich dabei eine unmittelbare Regeneration. Daraus, wohlgenährt und gestärkt, gleich anschliessend, konnte ich ungebrochen aus allen Ebenen schöpfen, heilend oder in künstlerischer Art frei wirken. Mohammed, mit seinem Koran, hätte mir eigentlich entsprechen müssen. Mir imponierte jedoch nur der Mann als Religionsstifter, nicht sein Werk. Offenbar war er sich der sexuellen Kraft bewusst und benutzte sie für seine Inspiration, Gesundheit und die Befruchtung unzähliger Frauen, für die Zeugung einer grossen Kinderschar.

Heilslehren, welche den Sex als sündig verteufelten, fand ich absurd. Ich vergass aber nicht, dass ich über Jahre selber ein asketisches Leben führte, den Weg absurder Leiden ging, den Tod suchte und die Erlösung fand. Wohlverstanden aus einer falschen Erziehung heraus. Aber es ist der Ursprung meines Weges. Deshalb schweige ich und akzeptiere andere Befreiungswege. Ich selbst habe eine Abneigung gegen den christlichen Leidensweg. Ich liebe Buddha, der in Zurückgezogenheit und stiller Meditation seine Erlösung findet. Der ans Kreuz geschlagene Christus ist ein schlechtes Vorbild, zur Nachahmung nicht empfohlen.

Es ist eine Illusion zu glauben, der Weg der Begierde, um die Stille zu erreichen, sei leicht. Es braucht Wachheit und Selbstdisziplin. Aber der Weg lohnt sich. Das Ziel kann dabei nur eines sein: die Befreiung aus allen Leiden. Sex als Sex ist nie das Ziel. Leiden und Leidenschaft sind zweierlei. Leidenschaft hält wach und jung solange es mit einer Begierde verbunden ist.

Auf meinem Weg begegnete ich auch diversen spirituellen Lehren. Sie sprachen stets von drei Ebenen, dem Höheren Selbst, dem mittleren und niedrigen Selbst. Ich versuchte oft diese Ebenen, gestützt auf meine eigenen Erfahrungen, zu erfassen und stellte bald fest, dass aller drei aufeinander angewiesen sind. Das gross geschriebene Höhere Selbst ist ohne das klein geschriebene niedrige ein leerer Wahn, weil dieses von einer Intelligenz ist, aus dem jenes überhaupt erst gedeihen kann.

Für die Erklärung des niedrigen Selbstes kann ich die moderne Wissenschaft heranziehen. Der Neurowissenschaftler Francisco Varela von der Ecole Polytechnique in Paris machte die Entdeckung dass die Seele, die Emotionen und der Körper nichts getrenntes, sondern aufs innigste miteinander verwoben sind. „Das Immunsystem ist nach seiner Formulierung ‘das Gehirn des Körpers’, es definiert, was das Selbst des Körpers ausmacht, was zu ihm gehört und was nicht”. Mit dieser wissenschaftlichen Definition bekommen wir einen Hinweis, was die Weisen der Urzeit und ihre Nachfolger durch die Jahrhunderte mit dem niedrigen Selbst meinten. Eine hochsensible Intelligenz. Seit den neunziger Jahren spricht man davon auch von der emotionalen Intelligenz. Bücher und Beiträge darüber findet man in jeder Buchhandlung. Wer eine gewisse Magie liebt, der findet reichliche Nahrung in den Büchern von Max F. Long. (Kahuna-Magie und Geheimes Wissen hinter Wundern). Dazu gibt es viele Nachfolgeliteratur, welche ausführlich auf die Huna-Praxis eingehen.

Wenn das untere Selbst spricht, dann spricht es als ich. Es hat keine andere Möglichkeit. Deshalb nenne ich es Körper-Ich. Es kennt nur den direkten Ausdruck. Unmittelbar handelnd ist Es hunger- und triebgesteuert. Ist der Penis erigiert, greift Es besitzergreifend, nach einem empfangsbereiten Wesen zur Paarung. Oder dann masturbiert Es, um Ruhe zu finden. Alles läuft ohne Bewusstsein. Es lebt und handelt ohne über die Folgen nach- oder vorzudenken. Es ist lediglich über die Erfahrung bildungsfähig. Bestrafung, Züchtigung, nach der irrigen Meinung vieler Erzieher, das beste Erziehungsmittel.

Das mentale Ich hingegen kann denken und reflektieren. Handlungen, bevor sie ausgeführt werden, überlegen, planen, organisieren. Der Wille ist Gestaltungskraft in seiner Substanz. Es sagt: „Ich will“. Es kann über die Gefühle reden. „Ich habe das Gefühl …, mein Gefühl sagt mir …“. Es kann die körperlichen Begierden organisieren. „Jetzt ist keine Zeit für Liebe, aber heute Abend, nach einem guten Essen.“ Oder: „Am Wochenende, am Sonntag, wenn ich von der Arbeit ausgeruht bin.“ Organisieren und den Gefühlen (und Ideen) eine Form geben sind seine Stärken. In der heutigen Zeit, leider nur allzu oft, wird dabei das Körper-Ich vergewaltigt, die Gefühle unterdrückt und verdrängt. Das mentale Ich kann aus den gemachten Erfahrungen einen Gewinn ziehen. Es wird von der Gesinnung gesteuert und beinhaltet den Intellekt, die Vernunft, den Verstand, die Gestaltungskräfte – den Willen. Die Ratio. Es ist wertbezogen.

Das spirituelle Ich ist jenseits von Raum und Zeit. Es lebt in einer Sphäre der Ewigkeit, im Bewusstsein aller Schöpfungsgeschichten. Daraus spricht das spirituelle Ich. Es kann sich nur über ein Ich offenbaren, oder symbiotisch mit Wir. Es hat keine Konstanz und spricht stets aus neuen Aspekten. Es ist immer alles und zugleich Nichts. Seine Aussagen sind stets Bruchstücke des Ganzen. Jeder Religionsstifter sprach aus dieser Ebene. Daraus gedieh auch meine eigene, persönliche Philosophie. Sein heisst Wandel.

Es gibt drei Philosophien, welche ungefähr dieser Dreigliederung entsprechen: Der Individualismus, der Rationalismus, der Idealismus. Alle drei zusammen würden die viel gelobte menschliche Ganzheit ausmachen – getrennt bleiben sie Stückwerk.

Beobachten, Erkennen, Einordnen und Bewusstheit bilden meine letzte, persönliche Substanz, die dem Ausdruck verleihen mag, was ich in meiner Wachheit wahrnehme. Das Ich geht völlig im Beobachter und der daraus werdenden Erkenntnis auf. Es ist mein Ich, das sieht und erkennt, einordnet, differenziert und geschehen lässt. Ohne Ich gibt es keine Existenz. Als Beobachter sehe ich mich stets selber, auf welcher Ebene ich mich auch bewege. Mein Beobachter ist gleichsam Gott, der alles sieht. Ich sehe mich als spirituelles Selbst, als mentales und als Körper-Selbst. Ich sehe und beobachte mich als Ganzheit und ich sehe mich sogar, in meiner ganzen Reinheit, als Beobachter selbst – ich bin Bewusstsein.

Der Mensch sagt immer ich, aus welchem Körper er auch spricht. Er sagt ich, wenn er ein Bedürfnis hat, er sagt ich, wenn er sich behaupten will und er sagt ich, wenn er Gott bezeugt.

Ein neues Gewissen entstand, das mir klare Anweisungen gab, was zu tun ist und was ich zu unterlassen habe. Ich sträubte mich lange Zeit dagegen, denn ich war kein Gläubiger, der unbesonnen Gottesgaben blind entgegen nahm. Ich wollte wissen, ich wollte die Dinge einordnen. Ordnung ist Teil der Liebe, Wissen, Teil des Gewissens. Nur Unwissende sind dem Gewissen blind ausgeliefert und werden von ihm tyrannisiert. Nicht-Wissen um die inneren Phänomene ist die grösste Behinderung für die Selbstwerdung. Übertragen auf die christlichen Religionen ist Nicht-Wissen eine Sünde.

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Meine Seinserfahrung war Geschenk und Auftrag. Ich suchte den Tod und fand das Leben. Ein kleines, gebeuteltes Ego fiel von mir und befreite mich von unheilvollen Prägungen. Das Leben jedoch, das ich gewann war an einen Auftrag gebunden, einen Auftrag, der mir viel Mühe bereitete. Als vom Leben gequälter Mensch, von Mitmenschen unterdrückt und gepeinigt, ausgelacht und als negatives Beispiel an den Pranger gestellt, empfand ich den Auftrag pervers, unverhältnismässig. Als Mensch, der die Gnade der Befreiung empfangen hatte, sollte ich als Gegenleistung andere Menschen in ihrem Leid begleiten, damit auch sie zur inneren Freiheit gelangten. Im Klartext bekam ich den Auftrag aus meiner Erleuchtung heraus als Befreier, im christlichen Sinne als Erlöser zu wirken. Ich konnte es damals nicht anders verstehen und ging in dieser Beziehung in die Verweigerung. Ich suchte nach Wegen und Auswegen, um nicht als Guru und Sektenführer auftreten zu müssen. Philosophen, vor allem Nietzsche, halfen mir einen metaphysischen Nihilismus aufzubauen. Die Erfahrungen, die ich damit machte, führten mich allerdings noch und noch in Sackgassen und neue Leiden bis ich den Auftrag unter Vorbehalten annahm und zum Therapeuten/Lehrer wurde. Ich ging dabei einen humanistischen Weg, mit einer eigenen, in der Antike wurzelnden Philosophie, mit einer klaren antiklerikalen Haltung. Echte religiöse Gefühle und Glaubensrichtungen tolerierte ich jedoch, denn ich führte die Schüler stets dorthin, wo sie sich neu entscheiden konnten. Bewusst, aus sich heraus. Ihrer eigenen Wahrnehmung entsprechend. Einverstanden, es gab dabei viele Kirchenaustritte. Und das war gut so. Nicht die Kirche hat zu bestimmen, was der Mensch zu glauben hat. Das liegt alleine in der Selbstbestimmung jedes Einzelnen. Wer gedankenlos oder aus Angst vor Seligkeitsverlust einer Kirche angehört ist meiner Meinung nach unreif. Gliedert sich jedoch ein Mensch bewusst, nach Prüfung seiner eigenen Warte, philosophisch in eine Glaubensrichtung ein, ist das für mich in Ordnung. Blinder Glaube ist für mich ein Gräuel. Ein zwischenmenschlicher Kontakt mit solchen Leuten schliesst sich von selbst aus. Gespräche sind unmöglich. Meine Erfahrungen lernten mich zu akzeptieren.

Heute bezweifle ich sehr, dass der Auftrag mit Menschen zu schaffen ein direkter Einfluss der Seinserfahrung war. Ich denke, dass durch die Erleuchtung meine ursprüngliche Lebens-bestimmung zum Vorschein kam, meine Berufung, die durch eine verheerende Erziehung nicht erkannt und in tragischer Weise verschüttet wurde. Durch die Seinserfahrung wurde ich auf meine Berufung, auf mein Selbst zurück geworfen.

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